Kinderarmut

–Symbolfoto: pixabay

„Willenskraft im Zeichen der Bergbautradition“

Gemeinsam gegen Kinderarmut: RAG-Stiftung und Stadt Gelsenkirchen ziehen eine erste Zwischenbilanz des Projekts „Zukunft früh sichern“.

Dass Gelsenkirchen besonders von Kinderarmut betroffen ist, belegen kürzlich veröffentlichte Zahlen der Bertelsmann-Stifrung. Im Stadtteil Ückendorf leben demnach 45 Prozent der Kinder in Armut, mehr als 50 Prozent sind auf Transferleistungen angewiesen. Diese Zahlen sind jedoch nicht neu. Bereits vor eineinhalb Jahren haben sich die Stadt Gelsenkirchen und die RAG-Stiftung zusammengetan, um gegen Kinderarmut in Gelsenkirchen vorzugehen: in einem regionalen Leitprojekt gegen Kinderarmut „ZUSi – Zukunft früh sichern“.

„Zukunft früh sichern“ führt die bei der Gelsenkirchener Kindertagesbetreuung – GeKita – bereits vorhandene Präventionskette fort. Hierbei soll  die Armutsprävention und Talentförderung von vier- bis sechsjährigen Kindern in sieben städtischen Kitas im Stadtteil Ückendorf sowie die Übergangsgestaltung von der Kita in die Grundschule in den Blick genommen werden. Ziel des dreijährigen Modellprojekts sei es, durch den Einsatz von sieben pädagogischen Fachkräften, den Blick auf die individuellen Stärken von Kindern zu richten, ihre Talente zu entdecken und sie durch zusätzliche Angebote zu fördern. Zentral sei die enge Zusammenarbeit zwischen den pädagogischen Fachkräften in den Kitas, den Eltern, den Grundschulen und unterschiedlichen Bildungsträgern. Hierbei werden explizit alle Kinder in den Blick genommen, ungeachtet der Einkommenssituation ihrer Eltern.

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Berg spricht von Vorreiterrolle

„Wir führen hier das bundesweit erste Projekt durch, welches die konkrete Wirkung mit dem Ziel der Talent- und Potenzialförderung kindscharf im Blick hat“, sagt die scheidende Gelsenkirchener Bildungsdezernetin Annette Berg.. Die wissenschaftliche Begleitung und Evaluation durch das Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik ISS e. V. ermögliche, „wissenschaftlich fundierte Echtzeitanalysen“ zu nutzen und später für die Fachkräfteausbildung bundesweit zur Verfügung zu stellen. „Hier nimmt Gelsenkirchen eine wirkliche Vorreiterrolle ein“, erklärt Berg.

Bärbel Bergerhoff-Wodopia, Mitglied des Vorstands der RAG-Stiftung, ergänzt, mit dem Projekt sei es gelungen, „alle relevanten Akteure an einen Tisch zu bringen und gemeinsam eine wirkliche Veränderung für die persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten der heute Vier- bis Sechsjährigen anzustoßen“. Die Willenskraft und die Innovationen, von denen das Projekt getrieben werde, stehe „ganz im Zeichen der Bergbautradition“.

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Armut mehr als Mangel an Geld

Armut sei mehr als ein Mangel an Geld. Sie beraube Menschen ihrer materiellen Unabhängigkeit und damit der Fähigkeit, selbst über ihr Schicksal und das ihrer Kinder zu entscheiden. Familiäre Armut wirke sich mittelbar auf alle Lebensbereiche der Kinder aus. Bereits im Alter von vier Jahren zeigen demnach arme Kinder häufiger Schwierigkeiten im sozialen und emotionalen Verhalten, die wiederum das Risiko von sozialer Isolation bergen. Kinder aus armen Familien sind deutlich zurückhaltender in der Kita, bringen sich weniger in die Gruppe ein und erfahren früh eine beginnende Ausgrenzung, wie ausbleibende Einladungen zu Kindergeburtstagen.

Arme Kinder haben, wie alle Kinder, Begabungen und Talente. Oft werden diese vor dem Hintergrund der wahrgenommenen Defizite jedoch nicht sichtbar. So verdecken Sprachschwierigkeiten die schlauen Ideen und Fragen der Kinder. Wo sportliches Talent keine Möglichkeiten zum Ausprobieren von Sportarten hat, kann es sich nicht entfalten. Die Förderung von Stärken eröffnet nicht nur Entwicklungschancen, sondern ist auch eine Quelle von Selbstwert und dem Gefühl, etwas erreichen zu können. Dies sind neben verlässlichen sozialen Beziehungen die Grundpfeiler von Resilienz, also der Fähigkeit, auch schwierige Lebensumstände und Krisen gut zu bewältigen. Eine Fähigkeit, die alle Kinder für einen erfolgreichen Start ins Leben brauchen ungeachtet der Einkommenssituation ihrer Eltern.

Erstes Ergebnis: Nur 45 Prozent haben altersgemäße Sprachentwicklung

Genau hier setzt „Zukunft früh sichern an“. Erste Untersuchungen im Rahmen des Projekts haben ergeben, dass nur 45 Prozent der armen Kinder eine altersgemäße Sprachentwicklung haben. Unter den Kindern aus finanziell besser situierten Familien ist dieser Anteil mit 70 Prozent fast doppelt so hoch. Dabei sei Sprache eine entscheidende Voraussetzung für eine erfolgreiche Bildungsbiografie und soziale Teilhabe. Für ZUSi wurde deshalb laut den Initiatoren eine Vielzahl von Angeboten zur Sprachförderung entwickelt: Regelmäßige Waldtage bieten zum Beispiel den Zugang zu dem für viele Kinder neuen Erfahrungsraum Wald unter Begleitung des Försters. Dort eröffnen sich den Kindern neue Sprachgelegenheiten und Wörter, aber auch Kreativität, Bewegung und die seelische Gesundheit werden durch das Erkunden des Waldes spielerisch gefördert.

Grobmotorische Betätigungen sind ebenfalls häufiges Talent und Interesse der Kinder – in Ückendorf haben jedoch nur 52 Prozent der armen Kinder, aber auch 63 Prozent der nicht armen Kinder, mit vier Jahren ein altersgemäßes Entwicklungsniveau erreicht. Oft fehlt es den Familien an Möglichkeiten, dieses Interesse auszuleben, etwa aufgrund von beengtem Wohnraum oder mangelnden Möglichkeiten zur Nutzung von (kostenpflichtigen) Sportangeboten. Bei ZUSi werden die Interessen der Kinder aufgegriffen, um eine Vielzahl von passenden Angeboten zu machen. So fand in Zusammenarbeit mit dem Radclub Buer-Westerholt und der Forststation Rheinelbe beispielsweise am Samstag, 12. September 2020, ein großer Aktionstag statt. Im Anschluss können Kinder an einer Fahrrad- oder einer Laufrad-AG direkt in ihren Kitas teilnehmen.

Tendenz zum sozialen Rückzug

Nicht zuletzt zeigen viele der armen Kinder auch Tendenzen zum sozialen Rückzug – nur 54 Prozent der ZUSi-Kinder erreichen eine altersgemäße Entwicklung ihrer sozialen Kompetenzen. Durch unterschiedliche Aktionen, wie Kindergeburtstage in der Kita, Spieleverleih für Zuhause oder Resilienzstunden wirkt „Zukunft früh sichern“ dieser Entwicklung entgegen und fördert die soziale Teilhabe aller Kinder.

Das Modellprojekt arbeitet noch bis April 2022 in Gelsenkirchen-Ückendorf. Eine Verstetigung über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus werde „mittels wissenschaftlicher Handreichungen für die Aus- und Fortbildung der pädagogischen Fachkräfte bundesweit angestrebt“, heißt es. Zudem sei eine Publikation der Erkenntnisse über eine Online-Plattform geplant.

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