Auch Schalkes Torhüter Markus Schubert (hier ein Trainingsbild) hinterließ beim Derby keinen guten Eindruck. -Foto: NBM (Archiv)

Derby-Pleite legt Schalker Baustellen offen

Im „Geister-Derby“ zeigt Schalke eine erschreckende Leistung, setzt mit dem 0:4 den Negativ-Lauf fort und fällt vorerst aus den Europapokal-Rängen. Klub-Chef Tönnies kündigt Ausgliederungs-Diskussionen an.

Derby ist Derby, hatte Schalkes Trainer David Wagner prophezeit, und auch Daniel Caligiuri wollte nichts davon wissen, dass er und seine Kollegen motivationstechnisch möglicherweise unter den speziellen Bedingungen des Geister-Derbys leiden würden: Die Mannschaft, so Caligiuri, werde alles geben.

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Fakten sprechen klare Sprache

Das waren die bislang letzten positiven Signale, die Schalke sendete – bevor Schiedsrichter Deniz Aytekin das „historische“ Revier-Derby in Dortmund anpfiff. Danach war von den sicherlich guten Vorsätzen nichts mehr zu sehen oder zu spüren: Schalke zeigte im Geister-Derby eine gespenstische Vorstellung. Spätestens nach dem 0:1-Rückstand durch Erling Haaland irrlichterten die Königsblauen nur noch blutleer durch den Signal-Iduna-Park – Schalkes Neustart wurde zur Fahrt auf der Geisterbahn. Die auch nach dem Abpfiff noch nicht beendet war.

Es ist müßig zu spekulieren, ob die Anwesenheit von Fans außer Aufsichtsratschef Clemens Tönnies, der mit Schutzmaske auf der Tribüne die Daumen drückte, hilfreich gewesen wäre. Das einzige Beurteilungs-Kriterium sind die Fakten: Und die sprechen klar gegen Schalke. Die Gäste hielten lediglich eine knappe halbe Stunde mit, hatten durch Daniel Caligiuri in der 26. Minute sogar die erste echte Torchance des Spiels, aber Roman Bürki parierte.

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2:19 Tore in letzten acht Spielen

Dann ging es für Schalke viel zu oft viel zu schnell. Während Schalkes Offensive (Wagner hatte sich mit Benito Raman für nur eine Spitze entschieden) im Prinzip nicht stattfand, geisterten Dortmunder Kreative wie Julian Brandt, Thorgan Hazard und Raphael Guerreiro, unterstützt von „Vollstrecker“ Erling Haaland, durch Schalkes Defensiv-Abteilung (nach langer Verletzungspause wieder mit Abwehrchef Salif Sané) und nahmen den Gegner auseinander. Erst nach dem 4:0 in der 63. Minute hatte der Spuk für Schalke ein Ende.

Wagner wusste vor dem Neustart nach der Corona-Zwangspause – wie alle anderen Trainer – nicht, wo seine Mannschaft steht. Nun bekam er die Antwort: Ungefähr da, wo sie vor der Auszeit stand. Schalkes Rückrunden-Bilanz ist ein Zahlenwerk aus dem Grusel-Kabinett: Nach dem 2:0-Sieg gegen Gladbach, der Schalke sogar von der Champions League träumen ließ, gab es in acht Liga-Spielen vier Unentschieden und vier Niederlagen bei einem Torverhältnis von 2:19 (!), darunter Tiefschläge wie das 0:5 bei den Bayern, das 0:5 gegen Leipzig, das 0:3 in Köln und nun das 0:4 in Dortmund.

Ernst der Lage erkannt?

Es nutzt bei allen berechtigten Hinweisen auf die großen Verletzungsprobleme nichts, diese Zahlen zu ignorieren. Schalke ist auf Platz acht zurückgefallen, zumindest der Trend spricht nicht für eine Rückkehr auf einen für den Verein so wichtigen Europapokal-Platz – auch wenn nicht jeder der kommenden Gegner so vor Spielfreude sprühen wird wie der BVB.
Aber am Samstag war kaum erkennbar, dass die Spieler diese Situation annehmen.

Ist Jean-Clair Todibos verbaler Ausrutscher gegen Haaland (Schalkes Verteidiger soll den BVB-Angreifer beleidigt haben) vielleicht noch mit Emotionen entschuldbar, macht der entspannte Offensiv-Ballverlust vor dem 0:3 kurz nach dem Seitenwechsel dann doch nachdenklich – viele Fans mögen die Saison wegen ihrer Zwangs-Abwesenheit nicht mehr ganz so ernst nehmen. Schalkes Spieler sollten das schon tun.

Baustelle auch im Tor

Es gibt viele Baustellen: Die Form der Mannschaft (Wagner: „Jetzt müssen wir uns erst einmal schütteln“) und – trotz aller S04-Bemühungen, das Thema kleinzuhalten – die mit Markus Schubert auch im Derby nicht optimal besetzte Torhüter-Position.

Über allem schwebt das Finanzielle: Clemens Tönnies kündigte nach dem Derby auf „Sky“ erfrischend offen an, dass Schalke mit den Mitgliedern in Diskussionen um eine Ausgliederung der Fußball-Abteilung einsteigen werde – bislang ein Tabu-Thema!

Es bedarf keiner prophetischen Gaben um vorherzusagen, dass nicht wenigen Schalkern erst da so richtig mulmig wurde – und das kurz nach der Geisterbahn-Fahrt im Geister-Derby.

Norbert Neubaum
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