Raus aus der Anonymität, rein in die Öffentlichkeit: Dr. Uli Paetzel und Frank Haberzettel (hinten am Tisch v. l.) erklären ihre Pläne in Sachen Schalke und Rangnick. Foto: Neubaum

Die Gruppe Rangnick: Alle wollen nur das Beste – für Schalke

FC Schalke 04 e.V. – Tradition und Zukunft: Am Mittwoch Nachmittag tauschte diese mittlerweile als “Gruppe Rangnick” bekannt gewordene Gruppierung die Anonymität gegen die Öffentlichkeit. Grund-Tenor: Alle wollen nur das Beste – für Schalke natürlich…

Dass die kurzfristig einberufene Pressekonferenz, an der immerhin über 30 Journalisten teilnahmen, in den Räumen der Essener Firma Harfid stattfand, kann durchaus als Signal gewertet werden: Harfid ist einer der größten Schalker Sponsoren, und Firmen-Geschäftsführer Harfid Hadrovic gehört der Gruppierung selbst an. Sein Motiv und seine Sorge benennt er, wie das Unternehmer so machen, ohne große Umschweife: “Wir müssen aufpassen, dass der Schalker Karren nicht vor die Wand gefahren wird.”

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Ingo Anderbrügge ist das prominenteste Mitglied

Damit das nicht passiert, haben sich mehrere Personen aus völlig unterschiedlichen Berufs- und Gesellschaftsschichten zusammen getan, um für Schalke Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Die bekanntesten Namen sind sicherlich Eurofighter Ingo Anderbrügge, Knappenschmieden-Gründer Bodo Menze und der langjährige Mannschaftsarzt Dr. Armin Langhorst sowie der ehemalige hochrangige DFB-Funktionär Helmut Sandrock. Sprecher der Gruppe sind Prof. Dr. Uli Paetzel, langjähriger Bürgermeister von Herten und nun Vorstandsvorsitzender der Emschergenossenschaft, und Frank Haberzettel, Chef des deutschen Beamten-Wirtschaftsbundes.

Allesamt honorige und zum Teil prominente Herrschaften, und dennoch kreist über allen ein Name: Ralf Rangnick. Ihn – und daher auch die große Medienpräsenz und öffentliche Aufmerksamkeit – hat die Gruppe kontaktiert, und tatsächlich soll Schalkes Ex-Trainer seine Bereitschaft bekundet haben, zu den Königsblauen zurückzukehren. Die suchen u. a. einen Sportvorstand, im Prinzip aber einen “starken Mann”, idealerweise wie Rangnick auch noch höchst kompetent, der den Schalke-Karren, der am Saisonende in der Zweiten Liga stranden wird, zunächst wieder flott macht und dann wieder richtig Fahrt mit ihm aufnimmt.

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Aufsichtsrat muss Herr des Verfahrens bleiben

Der Haken an der Sache: Den Sportvorstand auf Schalke engagiert nach wie vor der Schalker Aufsichtsrat. Der ist von den Mitgliedern in einem demokratischen Prozess gewählt worden und ist daher – bei aller berechtigten Kritik an dem Kontroll-Gremium – alleiniger Herr des Verfahrens. Und nun wird der äußerst charmante Gedanke der Rangnick-Rückkehr zum Politikum. Denn weil die Kontaktaufnahme der Gruppe zum Aufsichtsrats-Chef Dr. Jochen Buchta offenbar mehrmals gescheitert ist, holte man das Aufsichtsratsmitglied Stefan Gesenhues mit ins Boot.

Dr. Buchta hatte offenbar andere Pläne als den mit Rangnick. Just in dem Moment, als er seinen Aufsichtsrats-Kollegen Stefan Krösche von RB Leipzig als möglichen neuen Sportvorstand vorstellen wollte, wagte sich die bislang im Hintergrund agierende Rangnick-Gruppe vorsichtig aus der Deckung und lancierte ihre Pläne mit Rangnick. Erfrischend offen gibt Dr. Paetzel zu, “dass man damit Druck habe aufbauen wollen”.

Druck-Aufbau gelungen – Krösche sagte ab

Das gelang vortrefflich: Der Name Rangnick elektrisierte viele Fans und auch Medien, eine von einem Schalker Anhänger initiierte Online-Petition pro Rangnick schoss durch die Decke. Erst recht, nach dem Schalke in Wolfsburg beim 0:5 einen erneuten sportlichen Offenbarungseid geleistet hatte.

Das alles zeigte Wirkung: Am Sonntag nach dem Wolfsburg-Spiel erklärte Markus Krösche, für Schalke nicht zur Verfügung zu stehen. Das erste Etappenziel hatte die “Gruppe Rangnick” damit erreicht. Die wie ein Torpedo in die Buchta-Pläne eingeschlagene Chance, Rangnick nach Schalke zurückzuholen, rechtfertigt das aus Sicht der Gruppe, die in der Beurteilungsskala aktuell irgendwo zwischen “Verschwörer” und “Retter” pendelt. “Wenn man einen Ralf Rangnick nach Schalke holen kann, dann muss man dafür auch alles versuchen”, rechtfertigt Dr. Paetzel die Vorgehensweise, die langjährige Beobachter an finstere Schalker Hinterstübchen-Politik der 80-er und frühen 90-er Jahre erinnert.

Zufriedener Verweis auf erfolgreiche Online-Petition

Aber damit hat die Ideenschmiede “FC Schalke 04 e.V. – Tradition und Zukunft” natürlich nichts am Hut, zumindest weist sie das weit von sich. Denn eines betonen Dr. Paetzel, Frank Haberzettel und Ingo Anderbrügge mehrmals: Alle wollen nur das Beste – für Schalke, versteht sich. Und verweisen u. a. zufrieden auf die von mittlerweile ca. 50.000 Fans unterstützte Online-Petition.

Was sie natürlich nicht erwähnen, an dieser Stelle aber durchaus zur Sprache kommen darf: Ganz viele Fans haben sich an dieser Petition nicht beteiligt. Nicht etwa, weil sie etwas gegen Ralf Rangnick hätten – sondern weil sie es für ein wenig zu bequem halten, mal eben per Mausklick über die Besetzung des wohl wichtigsten Amtes auf Schalke zu entscheiden. Und weil das ja ohnehin nicht geht, denn das macht ja der Aufsichtsrat. Der war zumindest zunächst wenig amüsiert über das Vorpreschen der Rangnick-Gruppe: Dr. Buchta sprach von “vereinsschädigem Verhalten”. Zumindest teilweise.

Verschwörer oder Retter? Oder gar beides?

Vielleicht meinte er ja mit “teilweise”, dass die Gruppierung durch den Druckaufbau in Sachen Rangnick in Kauf nahm, dass der Eindruck entstand, Schalke sei eine Art Bananenrepublik, im dem eine keinem Gremium angehörende Opposition den Entscheidern so etwas wie die Pistole auf die Brust setzen kann und damit Erfolg hat. Schließlich wiesen Dr. Paetzel und Frank Haberzettel mehrmals darauf hin, dass es durchaus auch schon Gespräche mit Unternehmen und möglichen Sponsoren gegeben habe, die im Falle einer Inthronisierung Rangnicks ihre Geldbeutel für Schalke öffnen würden. Also: Rangnick oder nix?

Es wird viel über Ralf Rangnick geredet, der seit seiner ersten Amtszeit völlig zurecht einen ausgezeichneten Ruf auf Schalke genießt und der danach als großer Weiter-Entwickler in Hoffenheim und Leipzig richtig durchgestartet ist, aber wenig mit ihm. Das liegt an Rangnick selbst, der vor allem seinen Berater – das ist in der Branche mittlerweile so üblich – für sich sprechen lässt. Vom Berater war zu hören, dass Rangnick eigentlich ganz gerne Bundestrainer werden würde, dass ihn Schalke aber durchaus reizen würde, sofern denn der ganze Verein hinter ihm stehen würde. Was bei alleine ca. 160.000 Mitgliedern ein mindestens anspruchsvoller Wunsch ist.

Annäherung gewünscht: Opposition sein ist nicht das Ziel

Der Aufsichtsrat sei nun am Zug, so Dr. Paetzel, der die Nummer mit Rangnick nicht für ein noch völlig ungelegtes Ei hält, sondern insofern für “belastbar”, als dass man mit diesem Plan an die Öffentlichkeit gehen könne. Erste Eckdaten seien mit Rangnick bereits abgesprochen worden. Ein Treffen mit Dr. Buchta und den führenden Köpfen der Gruppe war für Mittwoch abend geplant. Annäherung ist gewünscht, zumindest von der Rangnick-Gruppe. Denn eines will man nicht sein, obwohl man es doch irgendwie ist: Opposition.

Norbert Neubaum
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