Trat im Juni 2020 als Schalker Aufsichtsratschef zurück: Clemens Tönnies. Foto: Rabas

Erwins Luftsprung, Tönnies’ Rücktritt, Huubs Comeback: Der Schalke-Rückblick 2020

Viel passiert auf Schalke. Der Rückblick auf ein Jahr, das mit “gespenstisch” noch höflich umschrieben ist…

Erwin sprang hoch, so hoch er nur konnte. Schalkes Maskottchen freute sich am 17. Januar 2020 über den 2:0-Sieg gegen Borussia Mönchengladbach, der die Mannschaft von Trainer David Wagner von der Champions-League-Teilnahme träumen ließ. Die Welt war königsblau an jenem Freitagabend, der gefühlt Lichtjahre zurückliegt.
Denn es sollte für lange Zeit Erwins letzter Luftsprung bleiben.

Ein in der Vereinsgeschichte beispielloser Absturz

Zumindest in der Bundesliga – Schalke legte danach einen in der Vereinsgeschichte beispiellosen Absturz hin. Bis zum Saisonende gab es nach dem Gala-Auftritt gegen Gladbach keinen Sieg mehr, nur das in der Hinrunde erspielte Punkte-Polster verhinderte das Abrutschen in den Tabellenkeller. Und kaum hatte die neue Saison begonnen mit der Ankündigung von David Wagner: „Wir sind bereit“, hatte Schalke bei den Bayern schon mit 0:8 verloren.
Nach der Niederlage gegen Bremen eine Woche danach war der Trainer Wagner auf Schalke schon Geschichte. Die Leistungskurve unter seinem Nachfolger Manuel Baum ist noch in frischer, schlechter Erinnerung: Nach nur vier Punkten aus zehn Spielen musste auch Baum gehen. Er ist der einzige Trainer, der Schalkes Publikum nie persönlich kennenlernte.

Seit 29 Bundesliga-Spielen sieglos

Die logische Konsequenz einer Ansammlung an oft schwachen bis erschreckenden Leistungen: Schalke geht als Tabellenletzter ins neue Jahr und hat bereits sechs Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz. Die Zweite Liga wird ein immer realistischeres Szenario. Und Tasmania Berlin muss ernsthaft um sein Alleinstellungsmerkmal als Rekordhalter bangen – die Berliner gewannen 1965/66 31 Mal in Folge nicht, Schalke ist nun seit 29 Bundesliga-Spielen sieglos, allerdings saisonübergreifend.
Bleibt die Frage: Wie konnte es soweit kommen?
Corona, könnte man sagen. Kaum hatte das teuflische Virus seinen grauen Schleicher übers Land gelegt, lief auf Schalke gar nichts mehr – auch abseits des Rasen-Rechtecks. Schalke, im März 2019 noch im Champions-League-Achtelfinale, ließ als erster Bundesligist erstaunlich schnell die Hosen runter und verkündete mehr oder wenig klar die Botschaft, dass die Pleite drohe, wenn der Spielbetrieb nicht schnell wieder aufgenommen werde bzw. die Fernsehgelder fließen würden.

Rücktritte von Tönnies und Peters

Ausgerechnet Schalke, wo in den letzten Jahren immer mehr geklotzt als gekleckert wurde, verstörte die Öffentlichkeit dann auch noch durch den Antrag auf eine Landesbürgschaft für einen 35-Millionen-Euro-Kredit. Völlig legitim zwar, aber begleitet von einer verheerenden Außenwirkung.
Eingefädelt hatte diesen Deal noch Finanzchef Peter Peters. Er trat am 5. Juni 2020 nach 27 Jahren in der Schalker Chefetage unter nach wie vor höchst dubiosen Umständen zurück – was den umtriebigen Funktionär freilich nicht daran hindert, nun sogar bei der FIFA richtig durchzustarten.
Schon im Frühjahr war der angesehene langjährige Schalker Medienchef Thomas Spiegel gegangen worden – und als Höhepunkt aller Personalien trat am 30. Juni auch Clemens Tönnies zurück. Immense Corona-Probleme in seinen Fleischwerken, aber auch immer stärker werdende Fan-Proteste hatten den Unternehmer nach fast 20 Jahren als Aufsichtsrats-Chef zermürbt. Er wolle sich nun mit voller Konzentration seiner Firma widmen.

Wetten auf die Zukunft verloren

Am Tag nach dem Rücktritt von Tönnies sitzen Jochen Schneider und Alexander Jobst auf dem Podium des Medienraums in der Veltins-Arena und machen, flankiert von David Wagner, klar, dass Corona aber bestenfalls nur der Beschleuniger, nicht aber die eigentliche Ursache der großen Schalker Probleme war. Man habe Wetten auf die Zukunft abgeschlossen, diese – Stichwort entgangene Europapokal-Einnahmen – dann aber zu oft verloren. Ein „Weiter so“ dürfe und werde es nicht geben.
Dass dieses hehre Ziel ausgerechnet Alexander Jobst zum Besten gibt, stößt vielen Beobachtern sauer auf. Schließlich sitzt Schalkes Marketing-Chef selbst seit neun Jahren im Vorstand. Mehr und mehr wird Jobst selbst zur Zielscheibe der Kritik, auch weil er als größter Verfechter der Ausgliederung der Profi-Abteilung gilt – noch immer ein Tabu-Thema für viele Fans und Mitglieder. Jede sportliche Niederlage befeuert diese Diskussion und lenkt damit von den tatsächlichen Problemen ab.

Die Idee mit Ibisevic wird zum Voll-Flop

Die hat Schalke auf dem Rasen, und die hat auch und allem Jochen Schneider zu verantworten. Schalkes erforderliches Sparpaket, das auf vielen Ebenen (Härtefall-Antrag für Dauerkarten-Besitzer, Entlassung von Mitarbeitern des Fahrdienstes) für Proteste sorgt, betrifft auch den Profi-Kader. Also ist Fantasie gefragt. Aber Schneider ist glücklos. Billig-Bomber Ibisevic wird zum Voll-Flop, Kaderplaner Michael Reschke muss gehen. An Wagner hatte Schneider zu lange festgehalten, die Idee mit Baum war keine gute.

Comeback von Huub Stevens

Nicht mal Huub Stevens kann mehr helfen. Der Jahrhundert-Trainer soll für zwei Spiele aushelfen, dafür hat er sich noch einmal überreden lassen. Am Ende steht der 67-Jährige konsterniert und zerknirscht in der Veltins-Arena. Keine Stimmung, keine Zuschauer, so wie seit März – aber das geht anderen Mannschaften ja auch so. Und wieder eine Niederlage, wie schon seit Monaten. Schalke konnte nie in den Geisterspiel-Modus umschalten. 0:1 gegen Bielefeld. Ein gespenstisches Jahr neigt sich für einen immer noch großen Verein mit dem 3:1-Sieg im Pokal gegen den Regionalligisten Ulm dem Ende entgegen.
Neuer Trainer ist Christian Gross. Erwin wartet voller Hoffnung auf den nächsten Luftsprung.
Norbert Neubaum
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