Helau und Kamelle – von wegen. Im zweiten Jahr in Folge macht Corona den Gelsenkirchener Karnevalisten einen Strich durch die Rechnung. Keine Party an Weiberfastnacht, kein Rosenmontagszug. Ein Stimmungsbild zwischen Resignation und der Hoffnung, dass es irgendwann weitergeht.
„Ich bin doch Präsident von nix“: Gerd Schwenzfeier. Foto: André Przybyl

Gelsenkirchen: Corona macht Karnevalisten einen Strich durch die Rechnung

Helau und Kamelle – von wegen. Im zweiten Jahr in Folge macht Corona den Gelsenkirchener Karnevalisten einen Strich durch die Rechnung. Keine Party an Weiberfastnacht, kein Rosenmontagszug. Ein Stimmungsbild zwischen Resignation und der Hoffnung, dass es irgendwann weitergeht.

„Ich bin doch Präsident von nix.“ Gerd Schwenzfeier schüttelt den Kopf. Über 40 Veranstaltungen planen die Gelsenkirchener Karnevalisten für die laufende Session. „Stattgefunden hat eine“, sagt er. „Die Prinzenproklamation war toll, doch danach war Schluss – der Hoppeditz ist wieder schlafen gegangen.“

„Bltzkarriere“ im Karneval

Gerd Schwenzfeier ist Präsident des Festkomitees Gelsenkirchener Karneval. Seit 1986 ist er im närrischen Treiben aktiv. „Vorher wusste ich nicht einmal, wie Karneval geschrieben wird“, räumt er ein. „Ein Vereinsmeier war ich allerdings schon immer.“ Durch einen Freund kommt er zum Karnevalsverein KC Astoria. „Dort habe ich eine Blitzkarriere gemacht“, erzählt er. „Weil ich meine Klappe nicht halten konnte, bin ich zunächst als Sitzungspräsident eingesprungen.“ 1987 ist das, seine Frau Anette ist im gleichen Jahr Karnevalsprinzessin. „Dann wurde ich Vorsitzender des Vereins.“ Er kommt zum Festkomitee, wo er stellvertretender Präsident und später Präsident wird.

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Eine Weiberfastnacht ist ihm noch heute im Gedächtnis. „In Damenkleidung waren ein Freund und ich auf der Damensitzung des KC Astoria.“ Er grinst. „Zwei Männer und 300 Frauen in Feierlaune.“ Er schlägt über die Stränge. „Zu viel gesoffen, zu viel geküsst – seitdem habe ich Hausverbot.“ Das erteilt ihm seine Frau, die seinerzeit Sitzungspräsidentin ist.

Aufwand für Rosenmontagszug wächst immens

„Doch gerade hinter den Kulissen spielt während der Session Alkohol keine Rolle“, fährt er fort. „Auf den Sitzungen unseres Präsidiums trinken vielleicht ein oder zwei Mann ein Bier – da gibt es kein Besäufnis.“ Allein der Aufwand, den Rosenmontagszug zu organisieren, wächst immens. „1996 bestand das Sicherheitskonzept aus acht Seiten“, berichtet Gerd Schwenzfeier. „Dann kam die Loveparade, daraufhin war der Rosenmontagszug fast nicht mehr zu finanzieren.“ Heute sind es rund 70 Seiten, auf denen das Sicherheitskonzept dargelegt wird. „Insgesamt kommen in einer Session rund 45.000 Druckseiten zusammen.“ Wie viel Zeit er in die Vorbereitungen und den Schreibkram investiert, kann er nicht beziffern. „Eine Menge“, sagt er. „Ich mache das immer nachts, wenn ich nicht schlafen kann.“ Nun ist er zum Nichtstun verdammt.

Gerd Schwenzfeier ist sauer auf die Landesregierung. „Was die mit uns gemacht haben“, sagt er. „Düsseldorf hat empfohlen, die Veranstaltungen abzusagen.“ Er schüttelt mit dem Kopf. „Entweder dürfen wir, oder wir dürfen nicht.“ Angesichts steigernder Corona-Infektionen entschließt sich das Festkomitee, den Rosenmontagszug abzusagen.

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Gottesdienst am 25. Februar geplant

Der Pandemie zum Opfer fällt auch die traditionelle Zeltfete des Festkomitees an Weiberfastnacht. „Schon im vergangenen Jahr haben wir die Künstler auf dieses Jahr umgebucht“, erklärt Gerd Schwenzfeier. „Jetzt können sie wieder nicht auftreten.“ Allein 18.000 Euro ist der Verein an Gagen schuldig. „Für solche Fälle hat das Land einen Fonds eingerichtet – die Anträge sind bereits gestellt.“ 90 Prozent der Kosten werden so übernommen. Den Rest muss das Festkomitee aufbringen.

Statt des Umzuges an Rosenmontag ist nun ein Gottesdienst am 25. Februar in der Kirche Sankt Urbanus in Buer geplant. „Unser Propst Markus Pottbäcker ist ein ‚guter Fang‘, er ist auf unserer Seite.“ Keine normale Messe soll es werden. „Wir bereiten ein karnevalistisches Programm dafür vor – unter anderem singt unser Prinz Thorsten I. zwei bis drei Lieder“, erzählt Gerd Schwenzfeier. „Wir hoffen, dass wir im Anschluss ins Michaelshaus gehen können.“ Im Sommer soll es dann eine Veranstaltung für die Gelsenkirchener Karnevalsvereine geben.

Helau und Kamelle – von wegen. Im zweiten Jahr in Folge macht Corona den Gelsenkirchener Karnevalisten einen Strich durch die Rechnung. Keine Party an Weiberfastnacht, kein Rosenmontagszug. Ein Stimmungsbild zwischen Resignation und der Hoffnung, dass es irgendwann weitergeht.
Trainieren die Juniorengarde des KC Astoria: Cary Hullmann und Martin Beisemann. Foto: André Przybyl

 

In einem Trainingsraum an der Ewaldstraße in Resse kontrolliert Cary Hullmann derweil einen Corona-Test. „Alles in Ordnung.“ Einmal wöchentlich trainiert sie hier gemeinsam mit Martin Beisemann die Juniorengarde des KC Astoria. „Eigentlich besteht die Garde aus 18 Mädchen“, sagt sie. „Doch heute kommen nur fünf – der Rest ist in Quarantäne.“ Sie zuckt mit den Achseln. So ist das während der Pandemie. „Meine Eltern haben mich mit acht Jahren in die Juniorengarde gesteckt“, erzählt Martin Beisemann. Er ist damals der einzige Junge. „Für mich war das kein Problem, ich bin locker aufgewachsen.“ Früher macht er noch Judo, ist im Schwimmverein. „Beim Karneval bin ich geblieben.“ Bereits mit vier Jahren beginnt Cary Hullmann zu tanzen. „Ebenfalls im Karnevalsverein.“

Das Duo trainiert nicht nur die Jugend, sondern steht auch selber auf der Bühne. „Bei der Icons Show“, sagt Martin Beisemann. Von Lady Gaga über Michael Jackson bis zu Queen – das Projekt singt Lieder von „Ikonen“ der Rock- sowie Pop-Geschichte und tanzt dazu. „Dabei trifft Musical auf Karneval.“

Beisemann: „Das ist richtig harte Arbeit“

Mit „ein bisschen Rumgehüpfe“ habe Tanzen in der fünften Jahreszeit nichts gemein. „Es ist ein anerkannter Hochleistungssport“, stellt die Trainerin klar. „Das ist richtig harte Arbeit – wir trainieren das ganze Jahr über für zwei oder drei Monate Session“, fügt ihr Kollege hinzu.

Lediglich einen Auftritt absolviert die Truppe in der laufenden Karnevalszeit – bei der Prinzenproklamation am 20. November. „Das war eine kurze Session“, sagt Cary Hullmann. „Doch als die Zahlen in die Höhe schossen, war leider abzusehen, dass es auch in diesem Jahr nichts wird.“

Hullmann: „Als Trainer haben wir nie Feierabend“

Ihr ehrenamtliches Engagement nimmt die beiden 24 Stunden am Tag an 365 Tagen im Jahr ein. „Als Trainer haben wir nie Feierabend“, erklärt sie. „Spätabends rufen gerne mal Muttis an oder schreiben Nachrichten.“ Das Duo schneidet die Musik, entwirft die Choreografien und Kostüme. „Es ist extrem viel Arbeit“, fügt Martin Beisemann hinzu. „Unbezahlt.“ Er lacht.

Doch die Arbeit macht ihnen Spaß. „Es hat etwas gefehlt, als wir im Lockdown nicht trainieren konnten“, sagt Cary Hullmann. „Wir hatten plötzlich so viel Freizeit, ohne etwas anderes machen zu können – wir haben das Zusammensein mit den Tänzerinnen und Tänzern sowie die Gemeinschaft im Verein vermisst.“

Juniorengarde will DVD produzieren

Besonders sind für Martin Beisemann immer die Auftritte an Weiberfastnacht im Festzelt. „Das Zelt ist voll, 2.000 bis 3.000 Leute“, erzählt er. „Es ist sehr unruhig, während wir hinter den Kulissen unserem Auftritt entgegenfiebern – doch sobald der erste Ton erklingt, wird es still.“

In dieser Session sind solche Momente nun passé. Die Juniorengarde hat allerdings einen Plan B. „Wir produzieren ein Video“, erklärt der Trainer. „Wahrscheinlich im März oder April wollen wir eine Zechenhalle anmieten.“ Dort werden die Tänze gefilmt. Aus den Aufnahmen soll eine DVD entstehen.

Beisemann: „Irgendwann stehen wir wieder auf der Bühne“

Keine Auftritte, kein Publikum… „Wir hatten schon fünf Abmeldungen“, berichtet Martin Beisemann. „Die Situation ist hart, insbesondere für die Tänzerinnen.“ Doch es nütze ja nichts, fährt er fort. „Wir trainieren trotzdem weiter.“ Was allen Hoffnung gibt: „Irgendwann stehen wir wieder auf der Bühne.“

Gerd Schwenzfeier steht nun seit 26 Jahren dem Festkomitee Gelsenkirchener Karneval vor. Doch in diesem Jahr ist Schluss. „Aus Altersgründen“, sagt er. „Ich werde 78 Jahre alt.“ Die Arbeit wird er vermissen. „Ich werde wohl Ehrenpräsident und stehe dem Verein weiterhin mit Rat und Tat zur Seite“, berichtet er. „So denn Gott will.“

André Przybyl
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