Leben wie in einer Familie: Ashley mit Erzieherin Katharina Rummel. Erzählen und Lachen am Esstisch gehört dazu. Die Kinder und Jugendlichen leben in Wohngruppen. Die Erzieherinnen und Erzieher sind für sie die wichtigsten Ansprechpartner. (Foto: Achim Pohl)

Leben wie in einer Familie: Ashley mit Erzieherin  Katharina Rummel.  Erzählen und Lachen am Esstisch gehört dazu. Die Kinder und Jugendlichen leben in Wohngruppen. Die Erzieherinnen und Erzieher sind für sie die wichtigsten Ansprechpartner. –Foto: Achim Pohl

Keine Verwahranstalt

Das Kinder- und Jugendhaus St. Elisabeth in Gelsenkirchen zeigt, dass die gängigen Klischees von Kinderheimen längst überholt sind.

Vor einiger Zeit rief der Vater einer heranwachsenden Tochter bei Paul Rüther an. Ob er mal vorbeikommen und seiner Tochter das Kinderheim zeigen könne? Damit die Tochter mal sehe, wie gut sie es zuhause habe. Natürlich hat Rüther, seit 15 Jahren Leiter des St. Elisabeth Kinder- und Jugendhauses in Gelsenkirchen-Erle, abgelehnt. „Wir sind hier schließlich nicht im Zoo“, sagt er. Der Anruf aber zeigt, dass immer noch ein Klischee von Kinderheimen existiert, das längst überholt sein sollte: freudlose Verwahranstalten, in denen die Kinder in Bettensälen schlafen, diese Vorstellung geistern immer noch den Köpfen mancher Zeitgenossen herum.

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Zum Glück sieht die Realität anders aus. Das schicke Sofa, mehr eine Art Wohnlandschaft, in dezentem Grau ist seit ein paar Wochen neuer Mittelpunkt im Wohnzimmer. Hier trifft man sich abends zum Fernsehen, Spielen oder einfach nur zum Abhängen. „Das haben wir zusammen ausgesucht“, sagt Katharina Rummel, Erzieherin in der Gruppe Kunterbunt. Die Kinder und Jugendlichen dürfen mitbestimmen, wenn es um die Gestaltung ihrer vier Wände geht. Und auch sonst. Regelmäßig tagt das Kinder- und Jugendparlament im Haus.

70 junge Menschen in acht Wohngruppen

70 junge Menschen im Alter von sechs bis 18 Jahren leben in insgesamt acht Wohngruppen zusammen. Es gibt Gruppen für die Jüngeren und solche für Jugendliche ab 14 Jahren wie die Gruppe Kunterbunt, die auf ein selbstständiges Leben außerhalb des Kinder- und Jugendhauses vorbereitet werden, und auch Gruppen für Kinder, die eine besonders intensive Betreuung brauchen, weil sie in der Familie misshandelt wurden. Man lebt zusammen wie in einer Familie: Küche, Wohnzimmer, Bad und dann die Kinderzimmer. Die meisten haben ein eigenes Zimmer, die Jüngeren teilen es auch mitunter mit einem Mitbewohner. Feste Ansprechpartner sind die Erzieherinnen und Erzieher, die im Schichtdienst arbeiten, so dass die Kinder rund um die Uhr betreut sind.

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So sieht ein Tag im Kinderheim aus: Wecken, Frühstück, dann geht’s zur Schule. Anschließend gemeinsames Mittagessen, das eine Hauswirtschafterin am Vormittag frisch gekocht hat, erzählen, lachen, streiten, Tisch abräumen. Danach Hausaufgaben, Freizeit, Abendessen, vielleicht noch eine Runde Fernsehen, oder auch nicht. René (18) zum Beispiel zieht sich lieber zum Zocken auf seine Bude zurück. Svenja, ebenfalls in der Gruppe Kunterbunt, entwirft Mangas mit einem Grafikprogramm, bastelt an ihrem neuen Cosplay-Kostüm oder trifft sich mit ihrem Freund. Um 22 Uhr muss sie wieder zuhause sein. „Das ist voll in Ordnung. Regeln helfen mir, daran kann ich mich orientieren“, sagt die 18jährige, die damit liebäugelt, eine Ausbildung zur Textilgestalterin zu machen.

Feste Strukturen schaffen

Feste Strukturen schaffen ist eines der Prinzipien der Erziehung. Viele Kinder haben dies in der Familie nicht kennengelernt. Paul Rüther: „Ihre Eltern haben selbst massive Probleme und können den Alltag nicht bewältigen“. Drogen, Alkoholsucht, psychische Krankheit, die eigene Kindheit in einer zerrütteten Familie, all‘ das spielt oft eine Rolle – denkbar schlechte Startbedingungen für die Kinder. Sind die Probleme so massiv, dass eine ambulante Unterstützung nicht mehr ausreicht, sucht das Jugendamt einen Platz im Kinderheim, möglichst im Einvernehmen mit den Erziehungsberechtigten.

„Wir versuchen, die Kinder zu fördern, ihnen zu helfen, selbstständige und selbstbewusste Persönlichkeiten zu werden“, sagt Monika Kwitt, seit Juli stellvertretende Leiterin der Einrichtung. Dazu gehört auch, ihre Talente zu entdecken, sie zu einem Hobby zu motivieren. Für die Manga-Zeichnerin Svenja hat Erzieherin Katharina Rummel extra eine Holzpuppe mit beweglichen Gliedern organisiert, damit das künstlerisch begabte Mädchen lernt, menschliche Proportionen richtig zu zeichnen. Ziel bleibe immer die Rückführung in die Familie, betont Rüther. Das klappt nicht immer. Denn dazu müssen die Eltern mitarbeiten. Sie müssen bereit sein, etwas zu ändern, eine Therapie oder einen Entzug zu machen.

„Jugendhilfe ist weniger präsent in der Öffentlichkeit“

Erzieherin im Kinderheim, das sei eine schöne, aber auch sehr anstrengende Tätigkeit, sagt Dorothé Möllenberg, bis zum Juli 14 Jahre lang stellvertretende Leiterin im Kinderhaus in Gelsenkirchen-Erle. Besonders hart war die Zeit mit den strikten Corona-Beschränkungen. 10 Kinder, die den ganzen Tag in einer Wohnung zusammenhocken, die Erzieher und Erzieherinnen als Ersatzlehrer, Motivatoren, Streitschlichter.  „Manchmal sind wir uns schon ganz schön auf den Keks gegangen“, sagt Katharina Rummel salopp.

Während man den Mitarbeitern in der Pflege applaudiert habe, sei der Einsatz in der Jugendhilfe in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen worden, ärgert sich Dorothé Möllenberg. Paul Rüther stimmt ihr zu. Warum ist das so? „Jugendhilfe ist weniger präsent in der Öffentlichkeit“, so der Pädagoge. Schließlich wolle man den Kindern einen geschützten Raum bieten. Auch fehle den Kindern das Sprachrohr der Eltern, die genug mit sich selbst zu tun haben“, so seine Erklärung. Möglicherweise wird das Thema von vielen verdrängt, entspricht ein Kinderheim doch so gar nicht dem Ideal der heilen Familie.

Gabriele Beautemps

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