„Nachsitzen“, fünf Jahre lang. Wolfgang Kalveram hätte längst in Pension gehen können, unterrichtete aber bis zum 70. Lebensjahr an der Lessing-Realschule. Jetzt wurde er verabschiedet.
Verabschiedet sich nach über 40 Jahren an der Lessing-Realschule in den Ruhestand: Wolfgang Kalveram. Foto: Norbert Neubaum

Nachsitzen: Lehrer unterrichtet bis zum 70. Lebensjahr

„Nachsitzen“, fünf Jahre lang. Wolfgang Kalveram hätte längst in Pension gehen können, unterrichtete aber bis zum 70. Lebensjahr an der Lessing-Realschule. Jetzt wurde er verabschiedet.

Auch das noch. An seinem jetzt aber wirklich letzten Arbeitstag muss Wolfgang Kalveram Schwerstarbeit verrichten. „Wer wird Pensionär?“ heißt die Spiele-Runde, in der sich der 71-Jährige bei seiner Abschiedsfeier in der Schul-Aula diversen Aufgaben stellen muss. Unter anderem wird ihm die Frage gestellt, wie viele Schulleiter die Gelsenkirchener Lessing-Realschule seit Anfang der 80er-Jahre hatte und wie viele Schalker Trainer es in dieser Zeit gab. Teil zwei der Frage ist in der Kürze der Zeit natürlich nicht vollumfänglich zu beantworten, Der neue Konrektor Andreas Sondermann erklärt sie in seiner Eigenschaft als Quiz-Master jedenfalls für gelöst: „Du hast sie alle geschafft!“

Pensionierung stand vor fünf Jahren an

Alle(s) geschafft. Wolfgang Kalveram verabschiedet sich in den Ruhestand, jetzt aber wirklich. Seine Pensionierung stand schon vor fünf Jahren an, auf Wunsch des Kollegiums blieb er und machte weiter. Wegen der Corona-Pandemie musste die Abschiedsfeier immer weiter nach hinten verschoben werden, nun sitzt Wolfgang Kalveram mit Ehefrau Annette, die auch an der „Lessing“ unterrichtete, auf einem mit Schalke-Kissen dekorierten blauen Sofa und hört den Rednerinnen und Rednern zu, die sich gern an die Zeit mit ihm erinnern. Sogar der Knappen-Chor der Zeche Consol macht seine Aufwartung und schmettert in voller Montur sein Repertoire in den Saal, Kalveram ist sichtlich gerührt.

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Warum hat der gebürtige Essener, mittlerweile längst im Gelsenkirchener Stadtnorden zuhause, freiwillig noch ein paar Jährchen dran gehangen? In einem Job, von dem andere lieber gleich die Finger lassen, ihn vorzeitig beenden oder sich den Tag ihrer möglichen Pensionierung schon Jahre vorher ganz dick im Kalender anstreichen? In einem Job, in dem händeringend nach Personal gesucht und mittlerweile verstärkt auf Seiteneinsteiger gesetzt wird? In einem Job, der als zunehmend schwieriger gilt, auch weil die Vokabel Respekt nicht mehr ganz so groß geschrieben wird? Im Gespräch mit Hallo Buer muss Wolfgang Kalveram gar nicht lange überlegen: „Weil es mich erfreut und mit großer Befriedigung erfüllt, wenn ich Kindern und Jugendlichen mit meiner Persönlichkeit Wissen vermitteln kann – und vielleicht auch Werte. Und wenn dann entweder von aktuellen oder früheren Schülern positive Rückmeldungen kommen, dann kann man sagen: ,Es hat sich gelohnt‘.“

Vorteil bei den Fächern

Anfang der 80er-Jahre kommt Wolfgang Kalveram an die Lessing-Realschule, vorher startete er als Referendar am Schulzentrum Ückendorf. Als das zur Gesamtschule umfunktioniert wird, reift der Entschluss zum Wechsel: „Ich wollte lieber an einer Schule mit überschaubarer Größe arbeiten. Wenn ich über den Schulhof gehe, möchte ich die Schüler auch kennen.“ Korrekt, fair, souverän – mit diesen Attributen wird Kalveram, bis zu seiner Pensionierung Konrektor, auch abseits der Lobreden bei seiner Abschiedsfeier bedacht. Er selbst will das gar nicht so hoch hängen: „Ich hatte sicherlich auch den Vorteil bei den Fächern, die ich unterrichtet habe. Als Sportlehrer hast du es einfach etwas leichter, einen Zugang zu den Schülern zu bekommen. Biologie ist ja recht nah an der Lebenswirklichkeit dran – und als Mathe-Lehrer hatte ich vielleicht den Vorteil, dass ich Mathematik nicht studiert habe. Dadurch habe ich versucht, viele Dinge aus Sicht der Schüler zu sehen: Was verstehen die nicht, wo ist das Problem?“

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Raus aus dem Klassenzimmer, rein ins „richtige Leben“: Kalveram merkt schnell, dass sich für Projektarbeiten auch Schüler begeistern lassen, die im Unterricht vielleicht nicht ganz vorne dabei sind. Kalveram gründet und trainiert Schulfußball-Mannschaften, nimmt mit ihnen an Turnieren teil, bewegt seine Schüler zur Teilnahme am Vivawest-Marathon und läuft trotz eines in jungen Jahren erlittenen Kreuzbandrisses  selbst mit, packt in Zusammenarbeit mit „Schalke hilft“ im Namen der Schule Kumpel-Kisten und motiviert Schüler fürs Derby-Radeln – Lessing-Schüler und Dortmunder Schüler fahren aus ihrer Stadt mit Fahrrädern los und treffen sich mit der Zwischenstation Bochum beim Derby, einmal in Dortmund, einmal in Gelsenkirchen. Alle tragen „ihre“ Farben und gehen gemeinsam ins Stadion. Die Dortmunder kommen in BVB-Trikots, die Schalker natürlich in Blau und Weiß. „Nur Bayern-Trikots waren verboten“, lacht Kalveram. Er weiß: „Das sind gemeinsame Erlebnisse, die vergessen die Schüler nie.“ Es geht auch um Respekt, um Toleranz, die große Resonanz ist für Wolfgang Kalveram regelmäßig eine schöne Bestätigung. Auch das sind die Momente, in denen es sich lohnt, Lehrer zu sein.

Beruf hat sich gewaltig verändert

Klingt alles ganz wunderbar. Aber die Welt hat sich gedreht, auch und gerade der Beruf des Lehrers hat sich gewaltig verändert. Es ist schwierig, diese Veränderungen nach über 40 Berufsjahren zusammenzufassen. Kalveram versucht es mit einem Beispiel: „Wenn ich früher die Eltern eines Schülers oder einer Schülerin in die Schule gebeten habe, weil es Probleme gab, konnte ich mich in der Regel darauf verlassen, dass die Eltern das dann auch geregelt haben. Aber in den letzten Jahren hieß es dann immer öfter, man solle sich gefälligst nicht in die Erziehung der Kinder einmischen. Oder die Eltern kamen erst gar nicht zu dem Gespräch…“ Das habe – und das zu erwähnen ist Wolfgang Kalveram sehr wichtig – übrigens nichts mit der Nationalität der Eltern bzw. Schüler zu tun: „Das wäre ein völliger Irrglaube. Gerade die Eltern ausländischer Schüler sagen ihren Kindern: ,Lern‘ was, dann wirst Du was!’“

Über 40 Jahre lang an einer Schule, es hätte auch andere Möglichkeiten gegeben. Standortfaktor 5 (von fünf möglichen) – das ist das behördliche Urteil über das Umfeld der Schule, das damit nicht unbedingt als absolute Nobelgegend beurteilt wird. Kalveram blieb, auch weil ihm „seine“ Lessing-Realschule an der Grenzstraße in Schalke ans Herz gewachsen ist. Hier hat er seine Frau kennengelernt, hier hat er er- und durchlebt, dass es im Ruhrgebiet eben nur diese eine „wahre“ Form der Religion gibt: Längst ist der frühere Rot-Weiße zum blau-weißen Glauben konvertiert – seine erste Abschlussklasse hatte ihm eine ViP-Karte für Schalke geschenkt, seitdem schlägt das Herz königsblau. Erst gemeinsam mit Schülern in der Fan-Kurve des Parkstadions, mittlerweile als Dauerkarten-Inhaber in der Arena.

Mentaler Ausgleich zu Schalke 04

Wer Schalke 04 als Hobby hat, braucht einen mentalen Ausgleich. Gartenarbeit, Laufen, Zeit mit den Enkelkindern verbringen, Reisen – es ist nicht so, dass Wolfgang Kalveram im Ruhestand die große Langeweile droht. Er unterrichtet trotzdem weiter. An der Volkshochschule hilft er nun Erwachsenen, ihren Hauptschul- oder Realschulabschluss nachzuholen. Kalveram ist nicht nur Lehrer, auch Zuhörer. Manche seiner neuen Schüler erzählen ihm ihre Lebensgeschichte, nicht immer sind die Biografien frei von Brüchen: „Ich bewundere diese Menschen, wie sie nun versuchen, wieder Fuß zu fassen.“

Der Unterschied zu früher: Nun drücken seine Schüler und Schülerinnen freiwillig die Bank. Aber auch der Lehrer sitzt ja quasi freiwillig nach. Aus Leidenschaft am Beruf. Es hat sich gelohnt. Und es lohnt sich immer noch.

Norbert Neubaum
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