Ole Siemiski, Vorsitzender der Werbegemeinschaft Buer. Foto: André Przybyl

Im Interview berichtet Ole Siemienski, Vorsitzender der Werbegemeinschaft Buer, über das auch für den Handel so schwierige Corona-Jahr 2020.

Als Mann der klaren Worte redet Ole Siemienski auch bei der Begrüßung nicht lange um den heißen Brei herum: „Privat geht’s gut, aber geschäftlich katastrophal.“ Für das Interview mit Hallo Buer nimmt sich der Vorsitzende der Werbegemeinschaft Buer 90 Minuten Zeit – es gibt viel zu erzählen kurz vor dem Ende eines äußerst ungewöhnlichen Jahres.

Schlimmer als die Jahre zuvor

Kein Buer Live, kein Cityfest, kein Weihnachtsmarkt – klingt nach einem entspannten Jahr für den Vorsitzenden der WG Buer, die diese Festivitäten ja traditionell ausrichtet.

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Neues Ruhr-Wort

Siemienski: (lacht) Im Gegenteil. Es war schlimmer als die Jahre davor. Wir hatten ja alles schon geplant, dann kamen die Absagen. Das bedeutete viel Schreibkram und vor allem viel Erklärungsbedarf unseren Partnern gegenüber, mit denen wir zum großen Teil ja schon Verträge abgeschlossen hatten – von den Sponsoren bis hin zu den Schaustellern und unserem Veranstaltungs-Partner Cooltours. Zum Glück haben sich die meisten aber sehr kulant und Verständnis für unsere Situation gezeigt. Dass alles ins Wasser beziehungsweise ins Corona gefallen ist – so etwas hat es ja schließlich vorher noch nie gegeben.

Die Veranstaltungen sind für die Werbegemeinschaft ja auch ein wesentlicher Bestandteil auf der Einnahmen-Seite. Wie sehr schmerzt da die Ausfallquote von 100 Prozent?

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Siemienski: Die Rechnung ist einfach: Null Einnahmen, dafür jede Menge Kosten.  Es schmerzt sehr. Als wir hier angetreten sind, war eines meiner Ziele, dass wir bei all unseren Veranstaltungen auch immer wirtschaftlich gut zurechtkommen müssen. Im ersten Jahr ist das gelungen, im zweiten Jahr ging es noch, und jetzt ist dieser Plan natürlich überhaupt nicht mehr aufgegangen.

Überrascht und wenig begeistert vom Alleingang

Während die Veranstaltungen der WG Buer abgesagt wurden, gab es im Sommer alternativ rund ums Michaelshaus ein  Event mit dem Veranstalter, mit dem die WG zuletzt das Cityfest in Kombination mit Rock am Dom durchgeführt hatte. Die WG Buer soll über diesen Kultur-Biergarten nicht „amused“ gewesen sein. Bedeutet das  das Ende der Kooperation?

Siemienski: Überrascht und wenig begeistert von dem Alleingang waren wir schon, das ist richtig. Aber persönliche Eindrücke und Befindlichkeiten sollten da hinten anstehen. Wir machen das ja alles nicht für uns selbst, sondern um die Attraktivität von Buer zu erhalten und zu steigern. Und mit dem Cityfest und parallel dazu Rock am Dom ist uns ein richtiges Pfund gelungen, das ist in Buer richtig gut angenommen worden. Tolle Sache. Insofern würde ich mich freuen, wenn es im nächsten Jahr wieder dazu kommt.

Weihnachtsmarkt, Weihnachtsdorf: Besonders für Weihnachten hatte sich Buer viel vorgenommen. Weder Markt noch Dorf wird es geben. Wird es denn trotzdem ein wenig weihnachtlich in der Buerschen City?

Siemienski: Wir haben lange überlegt, uns dann aber doch dazu entschlossen, die Weihnachtsbeleuchtung aufzuhängen und 250 Weihnachtsbäume an die Händler auszuliefern. Ohne unsere Sponsoren ELE, Sparkasse und Volksbank wäre das nicht möglich gewesen. Jetzt hoffe ich nur, dass die Händler mitmachen und die Bäume schön schmücken. Da bin ich mal sehr gespannt …

Flair auch ohne Weihnachtsmarkt und Weihnachtsdorf

Klingt skeptisch …

Siemienski: Naja. Eher erwartungsvoll. Wir hätten ja zu Weihnachten auch gar nichts machen können, das war sogar der erste Gedanke. Die wenigsten haben wahrscheinlich eine Vorstellung davon, dass Beleuchtung und Bäume eine hübsche Stange Geld kosten. Wenn ich mal alles hochrechne – Einlagerung der Beleuchtung, das Aufhängen, die Bäume, Transport- und Stromkosten – dann kommen wir da wahrscheinlich auf insgesamt ungefähr knapp 20.000 Euro. Da wäre es schon schön, wenn die Händler nun auch ihren Teil dazu beitragen und wenigstens den Baum vor ihrem Geschäft schmücken. Ein bisschen weihnachtliches Flair soll es ja auch ohne Weihnachtsmarkt und Weihnachtsdorf in Buer geben.

Viele Händler werden andere Sorgen haben – Stichwort Corona-Einschränkungen. Die IHK meldet, dass alleine in den ersten beiden November-Wochen 50 Prozent weniger Menschen die Innenstädte besucht hätten als im November 2019. Können Sie das für Buer bestätigen?

Siemienski: Absolut, das kommt der Realität schon ziemlich nahe. Ich habe mit Einzelhändlern gesprochen, die einen Umsatzrückgang von 70 Prozent zu beklagen haben. Und das ausgerechnet jetzt im Weihnachtsgeschäft. Das steckt man nicht so einfach weg.

Einige werden über die Wupper gehen

Als WG-Vorsitzender haben Sie Ihr Ohr nah dran an Ihren Mitgliedern und deren Sorgen und Nöte. Wie bedrohlich ist die Lage durch Corona wirklich, wie viele Geschäftsexistenzen sind tatsächlich gefährdet?

Siemienski: Ich habe wirklich mit vielen Händlern gesprochen in der letzten Zeit. Natürlich kann ich nicht bei jedem Einzelnen beurteilen, wann das Aus wirklich drohen würde, weil ich nicht weiß, wer beispielsweise wie viele Rücklagen hat. Aber ich gehe davon aus, dass einige tatsächlich über die Wupper gehen werden – so deutlich muss man das sagen.

Wenn die Leute wegen Corona die Innenstädte meiden: Besteht die Gefahr, dass der von vielen Einzelhändlern ja ohnehin schon gefürchtete Online-Handel von der Kundschaft noch mehr geschätzt und frequentiert wird?

Siemienski: Natürlich besteht die Gefahr, logisch. Wir werden Kunden verlieren. Amazon ist einer der großen Gewinner der Corona-Krise. Amazon-Chef Jeff Bezos ist jetzt angeblich der reichste Mann der Welt. Also noch reicher als beispielsweise ein Ölscheich – und die werden ja auch nicht so schlecht verdienen.

„Wir schieben alles ins Jahr 2021: Die Konzepte stehen”

Kann man es den Kunden verübeln, bequem am PC von zuhause einzukaufen?

Siemienski: Nein, ist doch eine super Geschichte, sonntagabends beim Tatort mal eben per Klick was einzukaufen. Wenn’s nicht passt, wird’s halt wieder zurückgeschickt. Aber wenn ich das mal alles hochrechne: was an Transportaufwand dahintersteckt, unter welchen Bedingungen die Leute da teilweise arbeiten. Soll das wirklich die Zukunft sein? Ich weiß nicht. Wir setzen jedenfalls weiter auf das Einkaufserlebnis, auf persönliche Beratung des Kunden.

Macht der Kunde es sich generell also zu einfach?

Siemienski: Zumindest ist es für mich ein Widerspruch, fast nur noch online einzukaufen und sich gleichzeitig über die Verödung der Innenstädte zu beklagen. Auch solche Zeitgenossen gibt es ja reichlich.

Flexibilität kostet jeden Händler Zeit und Geld

Wäre mehr Flexibilität ein denkbares Rezept des lokalen Einzelhandels gegen die Online-Riesen?

Siemienski: Das sagt sich immer so leicht. Flexibilität kostet jeden Händler Zeit und Geld, das möglicherweise nicht da ist oder dann woanders fehlt. Es gibt doch außerdem viele Geschäftsinhaber, die sich was Besonderes einfallen lassen, beispielsweise mit kleinen Events, speziellen Gourmet-Verköstigungen oder was auch immer. Die teilweise gute Besucher-Resonanz auf solche Aktionen korrespondiert nicht immer mit dem Kaufverhalten der Kunden. Auf gut deutsch: Hohe Kosten, kaum Einnahmen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob beispielsweise schöne Schaufenster-Dekorationen, die die Kunden ja erfreuen sollen, überhaupt noch groß beachtet werden.

Was ist 2020 aus Sicht des Vorsitzenden der WG Buer denn gut gelaufen?

Siemienski:  Hm. Da muss ich ernsthaft überlegen …

Markthalle war immer ein Magnet

Immerhin ist die Markthalle wieder an den Start gegangen.

Siemienski: Richtig, das ist natürlich für Buer eine gute Geschichte. Die Markthalle war immer ein Magnet, auch für Besucher aus anderen Städten. Und nach allem, was ich höre, wird sie auch jetzt schon wieder richtig gut angenommen. Daher wäre es klasse, wenn dort jetzt auch bald die Gastronomie eröffnen könnte. Positiv erwähnen kann ich auch die vielen guten Gespräche mit der Wirtschaftsförderung der Stadt, die wir bei all unseren geplanten Projekten hatten. Und dass wir für die Blumeninseln in der Buerschen City, die wir mit der City-Managerin Aylin Gimmer­thal installiert haben, viel Lob bekommen haben. Gut war auch, dass es untereinander dann doch viel Solidarität gab.

Die sich wie geäußert hat?

Siemienski: Beispielsweise durch die gemeinsame Aktion #WIRSINDBUER, bei der im ersten Lockdown immerhin 6.000 Euro zusammen gekommen sind. Und dass wir die Mitglieder-Zahl in der Werbegemeinschaft mit 74 bis 77 immer recht stabil halten konnten. In diesen Zeiten wahrscheinlich auch nicht selbstverständlich.

Saturn will Standort Buer nicht aufgeben

Ein Buersches Thema war auch 2020 der drohende Auszug von Saturn. Wie ist der Stand der Dinge?

Siemienski: Das Thema schwirrt ja schon länger durch die Gegend. Meines Wissens nach will Saturn sich verkleinern, den Standort Buer aber nicht aufgeben. Das stimmt mich positiv. Genau wie die Tatsache, dass es ja bei allen Problemen im Jahr 2020 auch einige Buersche Einzelhändler gegeben hat, die richtig Geld in die Hand genommen haben, um ihren Standort in Buer auszubauen und zu stärken. Als ich WG-Vorsitzender geworden bin, habe ich gesagt: Buer hat großes Potenzial. Daran glaube ich nach wie vor.

Also doch mit voller Kraft Richtung 2021?

Siemienski: Na klar. Wir schieben halt alles, was wir 2020 leider absagen mussten, ins nächste Jahr. Die Konzepte stehen.

Norbert Neubaum
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