Britta Schünemann ist Musiktheater-Pädagogin am Gelsenkirchener Opernhaus. Ein Portrait von einer, die Hemmschwellen überwinden und Kinder sowie Jugendliche begeistern will.
„Was mich motiviert dranzubleiben, sind die schönen Momente“: Britta Schünemann bei einem Theater-Workshop mit Jugendlichen. Foto: André Przybyl

„Wow, das ist Theater“: MiR-Pädagogin im Portrait

Britta Schünemann ist Musiktheater-Pädagogin am Gelsenkirchener Opernhaus. Ein Portrait von einer, die Hemmschwellen überwinden und Kinder sowie Jugendliche begeistern will.

„I have a melon“ – „Ich habe eine Melone“ –, ruft Britta Schünemann. Mit einer ausladenden Geste zeigt sie die imaginäre Frucht in die Runde. Die 14 Mädchen und jungen Frauen machen es ihr nach. „I cut the melon“ – „Ich schneide die Melone“, geht es weiter. Mit beiden Händen zerteilt sie die Frucht. Erneut tun es ihr Jugendlichen gleich. An diesem Montagabend ist Theater-Workshop im Musiktheater im Revier (MiR).

„Sie sollen natürlich Spaß haben“

„Bei der Übung müssen die Jugendlichen aus sich herausgehen“, erklärt Britta Schünemann. „Sie trainieren ihren körperlichen Ausdruck, ihre Sprache – und natürlich sollen sie Spaß haben.“ Schünemann ist Musiktheater-Pädagogin am MiR. Seit der Spielzeit 2017/2018 ist sie in Gelsenkirchen mit der Aufgabe betraut, Kinder und Jugendliche an Oper, Schauspiel und Co. heranzuführen.

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In ihrer Kindheit hat sie kaum Berührungspunkte mit dem Theater. „Ich bin auf dem Land großgeworden“, erzählt sie. „Da gab es das Plattdeutsche Stedorfer Theater, in dem meine Tante seit Jahrzehnten immer eine Rolle gespielt hat – als Kind saß ich bei den Vorstellungen in der ersten Reihe.“ Sie lacht. In der Grundschule spielt sie in zwei Kindermusicals mit. „Die wurden damals für uns von einem Lehrer-Ehepaar geschrieben“, fährt sie fort. „Dabei ging es einmal um Rassismus und ein anderes Mal um Umweltschutz.“ Sie spielt eine rassistische Maus. „Das hat mich lange begleitet – ich erinnere mich noch heute an einen großen Schaumstoffkäse auf der Bühne, aus dem wir Marshmallows gegessen haben.“ Sie lächelt.

Sofort vom Musiktheater angefixt

Britta Schünemann wird in der Nähe von Bremen geboren und wächst dort auf. In Osnabrück studiert sie Musik und Latein auf Lehramt. „Während meines Studiums habe ich als Obertitel-Inspizientin am dortigen Theater gearbeitet“, berichtet sie. „Ich musste brav den Knopf drücken, damit die Obertitel bei beispielsweise italienischen Opern zur richtigen Zeit eingeblendet wurden.“ Sie taucht in die Welt des Musiktheaters ein und ist sofort angefixt. „Mich hat fasziniert, wie die Zahnräder bei einer Produktion ineinandergreifen“, erzählt sie. „Das Publikum bekommt gar nicht mit, wie viele Menschen im Hintergrund an einem Stück mitwirken.“ Als sie hinter die Kulissen blickt, empfindet sie es als „Zauber“, der einen Opernabend begleitet.

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Daraufhin absolviert sie eine Spielleiter-Ausbildung in Berlin, macht ein Praktikum am Staatstheater Nürnberg und arbeitet als Musiktheater-Pädagogin an der Jungen Oper Stuttgart. „Dann wollte ich zunächst mein Studium abschließen und habe in Lüneburg mein Referendariat gemacht.“ Vier Monate arbeitet sie im Anschluss als Musiklehrerin. „Die Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern hat mich zwar erfüllt, das System Schule war jedoch nichts für mich – dort habe ich mich eingeschränkt gefühlt.“ Sie bewirbt sich auf die Stelle als Musiktheater-Pädagogin am MiR und bekommt den Job.

In die Rollen eintauchen

Hier ist sie für alle Projekte zuständig, die für Kinder und Jugendliche konzipiert sind. „Zum einen arbeite ich mit Kitas und Schulen zusammen.“ Wenn zum Beispiel Schulkassen ein Projekt gemeinsam mit dem MiR realisieren oder eine Vorstellung besuchen wollen, ist Britta Schünemann gefragt. „Ich gehe an die Schule und arbeite ganz praktisch mit den Schülerinnen und Schülern.“ Sie erzählt den Jugendlichen nicht, was in der Oper „Carmen“ passiert. „Vielmehr tauchen sie selber in die Rollen ein, spielen Szenen nach und entwickeln diese weiter.“

Außerdem bietet das Opernhaus Angebote für Kinder und Jugendliche an, die Bühnenerfahrung sammeln wollen. „Wir haben einen Kinder-Chor, mehrere Spielclubs und mobile Angebote, die zu den Kitas und Schulen gehen.“ Ferner macht die Konzeption und Planung von Projekten einen Großteil  ihrer Arbeit aus. „Die Durchführung ist das Sahnehäubchen meiner Arbeit, daraus ziehe ich viel Energie und Motivation – das Fundament ist jedoch die Planung.“

Arbeit gleicht der von Sherlock Holmes

Ihre Arbeit gleicht der von Sherlock Holmes, sagt sie. „Herauszufinden, wo ich bei  einer Inszenierung andocken kann, damit die Schülerinnen und Schüler Bezug zu dem Stück entwickeln – das ist eine Herausforderung“, führt sie näher aus. „Meistens ist es etwas, das in der Welt der Kinder und Jugendlichen von Bedeutung ist.“

Denn die Hemmschwelle ist hoch, ins Theater zu gehen. „Für Kinder und Jugendliche ist das etwas Fremdes“, erklärt Britta Schünemann. „Für viele ist es ein Ort für Reiche, an dem ich einen gewissen Grad an Bildung brauche, um verstehen zu können, was dort gezeigt wird.“ Außerdem ist das kulturelle Angebot groß. „Früher war Theater ein Anlaufpunkt für Generationen in einer Stadt – heute gibt es Konzerte und vieles mehr.“ Deshalb will sie die Jugendlichen bei ihren ersten Schritten begleiten.

Frust in der Pandemie

Die Pandemie ist für sie frustrierend. „Der direkte Kontakt zu den jungen Menschen hat natürlich gefehlt.“ Britta Schünemann und ihr Team setzen auf digitale Formate. „Wir haben zum Beispiel einen Krimi-Abend mit Jugendlichen per Video-Konferenz gemacht, bei dem sie in verschiedene Rollen schlüpfen konnten – da war viel möglich“, erzählt sie. „Die Schulen waren allerdings mit sich beschäftigt und haben nicht noch das zehnte Angebot gebraucht – was absolut verständlich war.“

Ihr Ziel ist es nicht, aus jedem einen Opern-Fan zu machen – „das ist utopisch“, sagt sie. „Aber wenn eine Schulkasse zufrieden aus der Vorstellung geht, die Schülerinnen und Schüler wissen, dass das Musiktheater nicht nur eine Straßenbahn-Haltestelle der 302 ist, dann ist das viel wert.“

„Zauber“ des Theaters

Nach dem Besuch einer Vorstellung bleibt den Jugendlichen zumeist nicht das Stück an sich im Gedächtnis. „Die sagen nicht: Wow, die Sängerin hat das hohe C getroffen, oder die Koloratur am Ende der dritten Arie hat mich umgehauen“, berichtet sie. „Vielmehr sind sie von einem Effekt begeistert oder fragen sich, wie die Requisite etwas gemacht hat – sie sind neugierig und wollen herausfinden, wie das Bühnengeschehen funktioniert.“ Da ist er dann wieder – der „Zauber“ des Theaters.

In Workshops offenbaren die Kinder und Jugendlichen manchmal eine gänzlich neue Seite von sich. „In der Gesamtschule Erle kam jüngst eine Lehrerin auf mich zu“, erinnert sie sich. Die eine Schülerin dort vorne mache eigentlich nie mit. „Und nun war sie voll dabei.“ Das erstaunt die Lehrerin. „Wenn ich so etwas höre, glüht mein pädagogisches Herz“, sagt Britta Schünemann. „Wenn die Schüchterne aus sich herausgeht oder der Klassen-Clown plötzlich tiefgründige Monologe hält – dann haben alle gewonnen.“

Bühne ist ein Höhepunkt

Bei Führungen durch das Haus gehen Schülerinnen und Schüler im Kostümfundus „richtig ab“. „Da hängen tausende von Kostümen aus allen Epochen, die sie am liebsten sofort anprobieren würden“, erzählt sie. „Die Requisite ist für sie ebenfalls ganz toll – unser Leiter zeigt manchmal einen Effekt mit Pyrotechnik.“

Ein weiterer Höhepunkt ist die Bühne. „Wenn sie in den Zuschauerraum schauen, die Größe und Dimension des Hauses erfassen, können sie sich vielleicht vorstellen, wie es für eine Sängerin oder einen Sänger ist dort aufzutreten.“ Diese Erfahrung eröffnet den Jugendlichen eine neue Welt. „Ich kann regelrecht sehen, wie bei ihnen etwas aufploppt.“ Sie beschreibt mit ihren Händen einen großen Kreis um ihren Kopf. „Wow, das ist Theater.“

Nicht nur eitel Sonnenschein

Doch in der Theater-Pädagogik herrscht nicht nur eitel Sonnenschein. „Natürlich gibt es auch frustrierende Momente.“ Manchmal sagen die Lehrerinnen und Lehrer von sich aus, sie würden sich nicht trauen, mit den Schülerinnen und Schülern in eine Vorstellung zu gehen. „Vor zwei oder drei Spielzeiten hatten wir eine Schulklasse, die die Vorstellung gestört hat.“ Das ist ihr unangenehm. „Ich fühle mich für die Jugendlichen verantwortlich.“ Für die Lehrerinnen und Lehrer ist eine solche Situation der „Todesstoß“. „Nach einer solchen Erfahrung beschließen sie zumeist, nie mehr mit einer Schulklasse ins Theater zu gehen.“

Britta Schünemann schätzt an ihrem Beruf, „dass er meine Interessen sowohl an Musiktheater als auch an Pädagogik verbindet“. Als vielfältig und herausfordernd empfindet sie ihre Arbeit. „Was mich motiviert dranzubleiben, sind die schönen Momente.“

„Genau das wollen wir erreichen“

Eines dieser Erlebnisse hat sie beim vergangenen Theaterfest. „In einem Workshop hörten meine Kollegin und ich plötzlich eine Kinderstimme: Oh, das ist so toll im Theater zu sein, ich will mehr davon“, erzählt sie.  Sie lächelt. „Da ging uns natürlich das Herz auf – genau das wollen wir ja erreichen.“

André Przybyl
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