Seit zwei Jahren hält die Corona-Pandemie die Welt im Würgegriff. Für die eine verändert das Virus ihr Leben radikal, für die andere findet die Seuche nur im Fernsehen statt. Vier Menschen, vier Geschichten – und die eine Pandemie.
Für ihn ist das Corona-Virus mit das Gefährlichste, was er in seiner Laufbahn erlebt hat: Gregor Venhoff auf der Intensivstation der Evangelischen Kliniken Gelsenkirchen. Foto: André Przybyl

Zwei Jahre Pandemie: „Alles, nur nicht wieder Corona“

Seit zwei Jahren hält die Corona-Pandemie die Welt im Würgegriff. Für die eine verändert das Virus ihr Leben radikal, für die andere findet die Seuche nur im Fernsehen statt. Vier Menschen, vier Geschichten – und die eine Pandemie.

Seit 1988 ist Gregor Venhoff Krankenpfleger auf der Intensivstation der Evangelischen Kliniken Gelsenkirchen. „Seit ungefähr 20 Jahren leite ich die Station.“ Insgesamt 48 Pflegekräfte betreuen hier 16 Intensivbetten. Seit April 2020 werden auf der Station bisher 132 Covid-Patientinnen und -Patienten behandelt.

Venhoff: „Weihnachten 2021, das war schon fast Italien“

Die vergangenen zwei Jahre sind für Gregor Venhoff sehr belastend. „Die ersten drei Wellen waren heftig – besonders die zweite und dritte bleiben mir in Erinnerung“, berichtet er. „Weihnachten 2021, das war schon fast Italien.“ Er atmet durch. „Von unseren 16 Betten waren teilweise zehn mit Corona-Patienten belegt.“ Die Sterblichkeitsrate der an Covid-Erkrankten ist auf der Intensivstation hoch. „Fast alle Patienten, die wir beamtet haben, sind gestorben – bestimmt 90 Prozent.“

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Schlimm empfindet er die seinerzeit aufkommende Diskussion, „dass Corona Quatsch ist – das habe ich auch in meinem privaten Umfeld gehört“. Er schüttelt mit dem Kopf. „Und wir fahren nahezu jeden Tag mit Patienten in den Keller… – Ich habe mich wirklich gefragt, in welchem Film ich bin.“ Im Untergeschoss des Krankenhauses werden die Leichen aufgebahrt. Für ihn ist das Corona-Virus mit das Gefährlichste, was er in seiner Laufbahn erlebt hat. „Selbst Tuberkulose ist kein Vergleich – jedenfalls nicht mit der Delta-Variante.“

Vorgeschriebene FFP3-Maske erschwert die Arbeit

Der pflegerische Aufwand bei Covid-19 ist weitaus höher, als bei anderen Erkrankungen. „In einer Schleuse müssen wir Schutzkleidung anlegen, bevor wir in die Zimmer gehen“, erzählt er. „Da muss man sich schon sehr genau überlegen, was man braucht – einfach nochmal kurz etwas holen, sitzt nicht drin.“ Zusätzlich erschwert die vorgeschriebene FFP3-Maske die Arbeit. „Die ist nochmal eine ganz andere Nummer als die FFP2 – wenn ich die wieder anlege, kann ich befreit durchatmen.“

Einige Kolleginnen und Kollegen hätten aufgrund der Belastung schon den Dienst quittiert. Für Gregor Venhoff ist das kein Thema. „Ich werde 60, da denke ich jeden Tag an meine Rente.“ Er lacht. „Aber aufgrund der Pandemie würde ich meine Arbeit nicht hinschmeißen.“

Vierte Welle streift Klinik nur

Die vierte Welle streift die Klinik nur. „Zum Glück“, sagt er. „Die Zahl der Patienten auf unserer Station nimmt ab – zurzeit sind es zwei, die beamtet werden müssen.“ Dafür tut sich ein anderes Problem auf: „Gerade Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, deren Kinder in Kita oder Schule gehen, infizieren sich immer häufiger – die müssen dann in Quarantäne und fehlen uns hier.“

Für ihn ist die Impfung das Mittel der Wahl. „Gerade bei Delta lagen viele Ungeimpfte auf unserer Station, auch Jüngere, die dann verstorben sind – das war Blödsinn, das hätte nicht sein müssen.“ Er schüttelt den Kopf. „Geimpfte, denen es richtig schlecht ging, haben wir nur wenige behandelt.“

Venhoff: „Impfpflicht kommt zu spät“

Auf der Intensivstation der Evangelischen Kliniken sind alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geimpft. „Das finde ich gut.“ Die einrichtungsbezogene Impfpflicht begrüßt er grundsätzlich. „Aber warum wieder nur Krankenhaus und Pflege?“, fragt er. „Warum nicht auch Lehrer – oder eine Pflicht für alle?“ Ohnehin kommt für ihn die Impfpflicht viel zu spät. „Bis die mal durch ist, sind wir auch mit der Pandemie durch – das hoffe ich zumindest.“

Gregor Venhoff wünscht sich, dass bald wieder Normalität einkehrt. „Mit allem, was dazugehört“, sagt er. „Dass unsere Arbeit wieder normal abläuft, dass wir wieder in den Urlaub fahren können und dass alles wieder aufmacht.“

 

Seit zwei Jahren hält die Corona-Pandemie die Welt im Würgegriff. Für die eine verändert das Virus ihr Leben radikal, für die andere findet die Seuche nur im Fernsehen statt. Vier Menschen, vier Geschichten – und die eine Pandemie.
Bekommt im Bruder-Jordan-Haus in Buer die Pandemie nur im Fernsehen mit: Seniorin Gisela Thomescheit. Foto: André Przybyl

 

Im Bruder-Jordan-Haus basteln die Bewohnerinnen und Bewohner gerade Masken – allerdings nicht den Mund-Nasen-Schutz gegen das Corona-Virus. „Die sind für Karneval“, sagt Gisela Thomescheit. Sie deutet auf eine der Augenbedeckungen aus buntem Papier, die an die Variante aus Venedig erinnern. „Dort am Fenster hängen schon welche.“

Mitten in der Pandemie – im April vergangenen Jahres – erleidet die heute 78-Jährige einen Schlaganfall. „Mein Mann ist gestorben und ich habe allein in unserem Einfamilienhaus gewohnt“, erzählt sie. „Ich war zitterig und musste immer die Treppe rauf und runter – das war ein Problem.“ Im September zieht sie ins Bruder-Jordan-Haus nach Buer. Seitdem lebt Gisela Thomescheit in dem Altenzentrum der Caritas.

Thomescheit: „Für uns Bewohner läuft alles normal weiter“

Trotz des Schlaganfalls und ihres Alters: „Kurz gesagt – die Pandemie ist an mir vorübergegangen.“ Zwar müssen alle Abstand halten. Das Pflegepersonal wird regelmäßig getestet. Und Besucherinnen sowie Besucher dürfen nur geimpft und mit negativem Corona-Test in die Einrichtung. „Aber für uns Bewohner läuft alles normal weiter“, sagt sie. „Corona bekommen wir nur aus dem Fernsehen oder aus der Zeitung mit.“

Ihre Enkel kommen sie besuchen. „Und wenn mein Sohn mal kurz in der Mittagspause vorbeischaut, empfange ich ihn draußen an meinem Balkon.“ Dann müsse er sich nicht testen lassen. „Weihnachten konnte ich mit meiner Familie verbringen“, fährt sie fort. „Ich habe hier eine Maske bekommen, bin nach Hause gefahren und zurück in der Einrichtung wurde ich getestet.“

Thomescheit: „Ich fühle mich sicher“

Gisela Thomescheit ist dreifach geimpft, hat vor dem Virus keine Angst. „Ich fühle mich sicher“, erzählt sie. „Wir gehen viel draußen spazieren, wo wir uns nicht so schnell anstecken können – und im Haus achten die Pfleger darauf, dass die Regeln eingehalten werden.“ Unsicherheit kommt bei ihr allerdings auf, als sie seinerzeit nach dem Schlaganfall zu den Nachuntersuchungen ins Krankenhaus muss. „Die langen Besucherschlangen vor der Klinik fand ich nicht so gut“, erinnert sie sich. „Da habe ich geschaut, dass mir möglichst keiner zu nahe kommt.“ Für die Einschränkungen während der Pandemie hat sie Verständnis. „Wenn ich erwarte, dass man mich schützt, können andere das auch von mir verlangen“, findet sie. „Mit einer Maske schützt man ja nicht nur sich selbst, sondern auch sein Gegenüber.“

In der Buerschen Senioreneinrichtung fühlt sie sich wohl. „In den bayerischen Wochen haben wir Polka getanzt.“ Mit einem breiten Lächeln schlägt sie sich auf die Oberschenkel. „Wenn das mein Arzt gesehen hätte“, sagt sie. „Tagsüber jammere ich ihm was vor und abends tanze ich Polka…“

 

Seit zwei Jahren hält die Corona-Pandemie die Welt im Würgegriff. Für die eine verändert das Virus ihr Leben radikal, für die andere findet die Seuche nur im Fernsehen statt. Vier Menschen, vier Geschichten – und die eine Pandemie.
Untersuchung in den Evangelischen Kliniken Gelsenkirchen: Ärztin Valdete Abdullahu-Halabaku mit Patientin Bettina Bruchmann. Foto: André Przybyl

 

Das Leben von Bettina Bruchmann hat sich durch die Pandemie radikal verändert. „Ich bin nicht mehr dieselbe, wie vor meiner Erkrankung“, sagt sie. „Das muss ich erst begreifen.“ Binnen eines Monats ist sie zweimal Corona-positiv. Seitdem hat sie mit den Folgen der Infektion zu kämpfen.

In Haan nahe Düsseldorf arbeitet Bettina Bruchmann als Betreuungskraft in der Altenpflege. „Am 1. Januar 2021 wurde ich das erste Mal positiv getestet”, erzählt sie. „Ich habe mich bei uns im Altenheim infiziert.“ Die Infektion verläuft mild und nach der Quarantäne geht sie wieder arbeiten. „Am 26. Januar hat es mich dann nochmal erwischt“, berichtet sie. „Manchmal setzt sich das Virus in der Lunge oder im Darm fest und bricht später wieder aus – wahrscheinlich war ich nie wirklich negativ.“

Zweite Infektion verläuft schwer

Die zweite Infektion verläuft schwer. Ins Krankenhaus muss sie nicht. „Wenn die Menschen Krankenhaus hören, denken sie sofort an Beatmung und Intensivstation“, erzählt sie. „Sollte ein Infizierter jedoch nicht in der Klinik landen, heißt es sofort: Ach so, na dann…“ Das ärgert sie. „Wenn sie nur auf allen Vieren zur Toilette gehen können und keine Kraft mehr haben, sich zu waschen… – auch ohne Krankenhausaufenthalt kann Covid schwer verlaufen.“ Ihr Mann infiziert sich ebenfalls.

Nach einer Woche geht es Bettina Bruchmann etwas besser. „Ich habe wenigstens die Mahlzeiten zu mir genommen.“ Das Bett verlässt sie trotzdem kaum. „An einem sonnigen Wintertag hat mir mein Mann einen Stuhl nach draußen gestellt“, erinnert sie sich. „Ich hatte das Gefühl, die Vögel ringsherum tröten extralaut durch ein Megafon – es war nicht zu ertragen.“ Hören und sehen fällt ihr noch heute schwer. „Ich kann keine Broschüre lesen oder einen Fragebogen ausfüllen, ohne dass mir schwindelig wird.“

Bruchmann: „Ich habe mich von Urlaub zu Freizeit gerettet“

Trotz anhaltender Symptome geht sie im Juni wieder arbeiten. „Ich habe mich von Urlaub zu Freizeit gerettet“, sagt sie. „Nach Feierabend bin ich sofort wieder ins Bett gegangen.“ Wenn sie und ihr Mann Freunde zu Gast haben, muss sie sich regelmäßig hinlegen. „Maximal drei Stunden – länger habe ich es nicht ausgehalten.“

Rund fünf Monate geht das so. „Am 11. November habe ich in unserer Einrichtung noch das Hoppeditz-Erwachen mitgemacht“, erinnert sie sich. „Ich habe getanzt, gepfiffen und Witze erzählt…“ Am nächsten Tag kommt der Einbruch. „Dann habe ich gemerkt, es geht nicht mehr.“ Ihre Ärzte sind ratlos. „Ich war beim Hausarzt, beim Neurologen und beim Augenarzt“, erzählt  Bettina Bruchmann. „Die haben sich bemüht, wussten aber nicht, was sie mit jemandem anfangen sollen, der erschöpft ist.“ „Ruhen Sie sich aus“, lautet zumeist der Rat. „Der Orthopäde war lustig“, sagt sie. „Für alle, die sich nicht impfen lassen wollen, wollte er mich als warnendes Beispiel vor die Praxistür setzen.“

Bruchmann: „Ich habe geheult vor Glück“

In Kürze steht für sie eine Reha an. „Außerdem bin ich in psychologischer Behandlung“, berichtet sie. „Das rate ich jedem Corona-Kranken: Holt euch Hilfe, um mit der Krankheit klar zu kommen.“ Im Internet stößt sie auf die Post-Covid-Ambulanz der Evangelischen Kliniken Gelsenkirchen. „Da gehst du jetzt hin“, sagt sie sich. „Am Freitag habe ich angerufen, am Montag durfte ich kommen – ich habe geheult vor Glück.“ Andere Einrichtungen dieser Art hätten monatelange Wartezeiten.

Am 16. August vergangenen Jahres nimmt die Post-Covid-Ambulanz der Gelsenkirchener Klinik ihre Arbeit auf. Über 150 Patientinnen und Patienten wie Bettina Bruchmann sind hier bisher behandelt worden. „Müdigkeit, Erschöpfung und eingeschränkte Belastbarkeit gehören zu den häufigsten Symptomen von Long-Covid“, erklärt Valdete Abdullahu-Halabaku. Sie ist Oberärztin der Klinik für Neurologie. „Die Menschen kommen mit Kurzatmigkeit, Konzentrations- und Gedächtnisproblemen sowie Schlafstörungen zu uns.“ Auch Muskelschwäche und -schmerzen  sind typisch. Manche leiden unter Depressionen und Ängsten.

Vorerkrankung kann Risiko erhöhen, Langzeitfolgen zu bekommen

„Bei den meisten unserer Patientinnen und Patienten ist die Corona-Infektion schwer verlaufen“, erzählt sie. „Doch Studien aus Schweden oder von der Berliner Charité deuten darauf hin, dass ein milder Verlauf ebenfalls Long-Covid nach sich ziehen kann.“ Eine Vorerkrankung kann das Risiko erhöhen, die Langzeitfolgen zu bekommen. „Dazu gehören zum Beispiel Menschen mit einer schweren Herzerkrankung, mit einer Demenz oder einer schweren Diabetes“, führt sie näher aus. „Doch kann es auch Menschen treffen, die vor der Infektion gesund waren.“

In der Ambulanz arbeiten verschiedene Fachrichtungen zusammen – unter anderem Neurologen, Herzspezialisten und Psychiater sowie Psychotherapeuten. Zwei Nächte verbringen die Patientinnen und Patienten in der Klinik. Sie werden untersucht, um herauszufinden, ob körperliche Ursachen vorliegen. „Bei vielen lässt sich nichts feststellen – ich konnte noch bei keinem etwas finden“, sagt die Ärztin. „Die Symptome der Patientinnen und Patienten lassen sich nicht nachvollziehen.“ Was Long-Covid zugrunde liegt, ist ebenfalls noch unbekannt. „Auch können wir zurzeit nur die Symptome behandeln – eine Heilung gibt es nicht.“

Verbringt Lockdowns mit Familie

Valdete Abdullahu-Halabaku kommt selbst gut durch die Pandemie. „Ich bin ein Familienmensch und konnte während der Lockdowns Zeit mit meinen Kindern und meinem Mann verbringen.“ Sie lacht. „Ich habe gekocht, gut gegessen und habe zugenommen.“ Sie infiziert sich selbst mit dem Virus – trotz zweier Impfungen. „Ich hatte allerdings nur milde Symptome – ich war müde und meine Beine schmerzten.“ Die Quarantäne nutzt sie, um für ihre Facharztprüfung zu lernen. „Die habe ich bestanden.“

Bettina Bruchmann möchte wieder arbeiten gehen. „Ich mache meine Arbeit so gerne“, sagt sie. „Aber ich muss begreifen, dass es noch dauern wird – erst wenn ich das hingekriegt habe, kann es mir langsam wieder besser gehen.“

Bruchmann: „Alles, nur nicht wieder Corona bekommen“

Als sie sich seinerzeit mit dem Virus infiziert, ist sie noch nicht geimpft. „Drei Wochen später hätte ich die erste Spritze bekommen.“ Mittlerweile hat sie drei Injektionen hinter sich. „Wenn es sein muss, nehmen ich auch die vierte Impfung mit – ich will alles, nur nicht wieder Corona bekommen.“

André Przybyl

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