Russlands Krieg wirkt bis in die Emscher-Lippe-Region

Der Angriff auf die Ukraine führt zu Auswirkungen, die auch im nördlichen Ruhrgebiet zu spüren sein werden – davon geht die IHK Nord Westfalen aus.
Russlands Krieg wirkt bis in die Emscher-Lippe-Region. Der russische Angriff auf die Ukraine beherrscht seit Tagen die Schlagzeilen. Dass er Auswirkungen auf die Wirtschaft haben wird, ist unter Experten unbestritten. Und die Auswirkungen werden auch im nördlichen Ruhrgebiet zu spüren sein – davon geht Dr. Jochen Grütters, der stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Nord Westfalen aus.
Stellten den ELIX vor: Michael Hottinger (S-PrivateBanking), Dr. Jochen Grütters (IHK-Nord Westfalen), Martin Westrich (S-PrivateBanking). –Foto: Cornelia Fischer

Gelsenkirchen. Der russische Angriff auf die Ukraine beherrscht seit Tagen die Schlagzeilen. Dass er Auswirkungen auf die Wirtschaft haben wird, ist unter Experten unbestritten. Und die Auswirkungen werden auch im nördlichen Ruhrgebiet zu spüren sein – davon geht Dr. Jochen Grütters, der stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Nord Westfalen aus.

Krieg überschattet Emscher-Lippe-Index

Putins Krieg gegen die Ukraine überschattete so auch am Freitag die Vorstellung des halbjährigen „Emscher-Lippe-Index“ (ELIX). Dieser ist laut Industrie und Handelskammer (IHK) wieder auf dem Niveau von Anfang 2021. Die Lagebeurteilung der Unternehmen aus der Region ist demnach generell positiv, aber gedämpfter als noch im Herbst. Hintergrund seien Fachkräftemangel, steigende Rohstoffpreise sowie Lieferengpässe. Hinzu kommt nun noch Entwicklung der letzten Tage – und der ELIX ist im Grunde schon Makulatur.

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60 Unternehmen aus der Emscher-Lippe-Region haben laut IHK regelmäßige Geschäftsbeziehungen in die Ukraine, rund 100 nach Russland. Beide Länder sind also wichtige Handelspartner. 

Wie sich die Zahlen mit dem Konflikt in Zukunft entwickeln werden, sei unklar, sagt Michael Hottinger, Geschäftsführer der S-Private Banking Gelsenkirchen GmbH. Jedoch stehe fest, dass Frieden essentiell wichtig für die wirtschaftliche Grundversorgung sei. „Die russische Invasion ist eine Tragödie für das ukrainische Volk und eine Bedrohung für den Frieden in Europa. Und sie ist natürlich auch Gift für die Wirtschaft“, betont auch Hottinger. „Die Verluste an den Börsen sprechen Bände. Weiter steigende Energie- und Rohstoffpreise, aber auch Belastungen für die exportorientierten Unternehmen sind absehbar und gefährden den erhofften Aufschwung.“

Zahlreiche Unsicherheitsfaktoren

Aber auch der bisherige Optimismus war nicht ungetrübt: So hätten die zeitweise wieder verschärften Corona-Schutzmaßnahmen, vor allem im Handel und im Dienstleistungsbereich Spuren hinterlassen, sagte Grütters, der ergänzte: „Zahlreiche Unsicherheitsfaktoren führen dazu, dass sich die Entwicklung noch nicht wieder stabilisiert hat. Der Erholungsprozess bleibt vielmehr weiterhin fragil.“

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Dieses Urteil spiegelt auch die Umfrageergebnisse wieder: Der überwiegende Teil der Unternehmen bewertete laut Index die Geschäftslage mit gut oder befriedigend. „Ein zentrales Hemmnis sind Störungen in den Lieferkette“, erläuterte Hottingers Stellvertreter Martin Westrich. 87 Prozent der Befragten Unternehmen berichten von Lieferschwierigkeiten, darunter 26 Prozent „in erheblichem Umfang“. Infolgedessen sind fast alle Betriebe von Preisanstiegen bei Rohstoffen, Vorprodukten oder Waren betroffen, 61 Prozent sogar von erheblichen Steigerungen. 

Gut 50 Prozent der Betriebe rechneten bei Umfrageerhebung mit einer Verbesserung erst in der zweiten Jahreshälfte oder gar erst im kommenden Jahr. Hierbei standen Energie- und Rohstoffpreise in der Beurteilung der konjunkturellen Risiken deutlich im Vordergrund. Aber auch der weiter anhaltende Fachkräftemangel trübte die Prognose. Nur noch jedes neunte Unternehmen rechnet mit einer Verbesserung der Geschäftslage.

Krieg in der Ukraine bedeutet weitere Verschärfung

Der Krieg in der Ukraine bedeutet eine weitere Verschärfung der Lage, so Westrich. Er glaube nicht, dass der Konflikt schnell beendet sei, was langfristige Folgen habe. Die ELIX-Experten erwarten, dass die Gaslieferungen Russlands bei weiterer Eskalation höchst wahrscheinlich eingestellt werden, sodass auf andere Brennstoffe zurückgegriffen werden muss. Gleiches gilt für Rohstoffe.

Die Emscher-Lippe-Region bezieht 55 Prozent ihres Energiebedarfs aus Gas, 50 Prozent aus Kohle und 35 Prozent aus Öl von russischen Quellen. Diese Lücken ließen sich schwer schließen. Zweidrittel des Energieverbrauchs der Region wird aus Erdgas gedeckt. Damit liegt Emscher-Lippe deutlich über dem Bundesdurchschnitt von zehn Prozent.

Gesamtwirtschaftlich betrachtet spiele der Krieg zwar noch eine untergeordnete Rolle, für einzelne Unternehmen aber seien die Folgen jetzt schon dramatisch. So beschäftigt beispielsweise ein Software-Unternehmen aus Emscher-Lippe derzeit in der Ukraine 70 Programmierer. Oberste Priorität sei es hier, sie und ihre Familien in Sicherheit zu bringen. Dies zeige, wie Firmen den Vorfall also auch persönlich erlebten, erklärte Hottinger.

Seitwärtsbewegung erwartet

Deutschland sei laut Grütters zu 1,9 Prozent von den russischen Ressourcen abhängig, in Nordhein-Westfalen liegt Russland unter den 15 wichtigsten Handelspartnern. Die Kontakte zu anderen Lieferländern müssten deshalb in Zukunft intensiviert werden. Aktuell exportiert die Emscher-Lippe-Region Waren im Wert von 130 Millionen Euro nach Russland und im Wert von 25 Millionen Euro in die Ukraine. Der Import ist höher: Güter im Wert von 160 Millionen Euro stammen aus Russland, aus der Ukraine im Wert von 30 Millionen Euro.

Alle Überlegungen über die Auswirkungen des Krieges seien derzeit noch hochgradig spekulativ, so Grütters. Mindestens aber rechnet er mit diesem Szenario: „Aufgrund des herausfordernden Umfeldes ist im internationalen Geschäft zunächst nicht mit einer Beschleunigung, sondern eher mit einer Seitwärtsbewegung zu rechnen.“

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