Die Schulen über Monate geschlossen. Treffen mit Freunden? Bitte nur eingeschränkt. Was macht die Corona-Pandemie mit Kindern und Jugendlichen? Ein Gespräch mit Dr. Marion Kolb, der ärztlichen Leiterin der Buerschen Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, über Ängste, instabile Familien und den Mangel an Therapieplätzen.
„Psychische Belastungen, die bereits vor Corona vorhanden waren, konnten nicht mehr kompensiert werden“: Dr. Marion Kolb ist ärztliche Leiterin der Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Foto: André Przybyl

Ärztin: „Es ist wichtig, dass Schulen und Kitas geöffnet bleiben“

Die Schulen über Monate geschlossen. Treffen mit Freunden? Bitte nur eingeschränkt. Was macht die Corona-Pandemie mit Kindern und Jugendlichen? Ein Gespräch mit Dr. Marion Kolb, der ärztlichen Leiterin der Buerschen Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, über Ängste, instabile Familien und den Mangel an Therapieplätzen.

Frau Dr. Kolb, macht die Pandemie Kinder und Jugendliche psychisch krank?

Kolb: Großen Studien zufolge fühlen sich über 70 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland durch die Pandemie psychisch belastet. Daraus entwickelt sich allerdings nicht zwangsläufig eine psychische Störung. Wir sehen, dass sich bereits vorhandene Belastungen verselbstständigt haben. Wenn zum Beispiel Kinder vor der Pandemie Ängste hatten und Erfahrungen mit Mobbing gemacht haben, sind sie trotzdem noch zur Schule gegangen. Nach Online-Unterricht und Lockdown trauen sich das viele nicht mehr. Über Wochen oder Monate sind stützende Säulen wie soziale Kontakte oder die Schule weggebrochen. Psychische Belastungen, die bereits vor Corona vorhanden waren, konnten so nicht mehr kompensiert werden – sie haben sich verstärkt.

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Kolb: „Es fehlen die Ressourcen“

Die Fälle, die Sie behandeln, sind also schwerer geworden?

Die Familien, die zu uns kommen, sind deutlich instabiler als noch vor der Pandemie – es fehlen die Ressourcen. Corona ist an keinem spurlos vorübergegangen. Gleiches gilt für die Patientinnen und Patienten. Viele müssen wir in den vollstationären Bereich verlegen, weil wir sie in der Tagesklinik nicht mehr auffangen können. Vor der Pandemie hatten wir vielleicht alle zwei Jahren solch einen Fall – jetzt haben wir sehr viele solcher Patientinnen und Patienten.

Behandeln Sie nun mehr Patientinnen und Patienten als vor Corona?

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Der Bedarf bewegt sich konstant auf hohem Niveau. Unsere Plätze sind kontinuierlich belegt und die Anfragen reißen ebenfalls nicht ab – das war bereits vor der Pandemie so. Die Nachfrage nach einer Therapie ist meinem Erachten nach allerdings schon gestiegen. Erste Anlaufstelle sind die ambulanten Therapeutinnen und Therapeuten – und bei denen herrscht akuter Platzmangel. Gerade zu Beginn des ersten Lockdowns waren viele Praxen nicht auf die neue Situation vorbereitet – sie konnten noch keine Online-Sprechstunden anbieten und hatten zum Teil sogar geschlossen. Das wirkt bis heute nach. Patientinnen und Patienten müssen sehr lange Wartezeiten in Kauf nehmen, bevor sie einen Therapieplatz bekommen.

Gewalt in Familien eskaliert

Wie wirkt sich die Pandemie auf Kinder und Jugendliche aus?

Das ist sehr unterschiedlich. Vielen haben die Tagesstruktur und die sozialen Kontakte gefehlt, da die Schulen geschlossen waren. Die Kinder und Jugendlichen sind zum Teil vereinsamt. Viele Jugendliche sind vor dem PC versackt und waren gar nicht mehr draußen. Da Sportvereine ebenfalls über weite Strecken ihre Angebote einstellen mussten, haben viele Kinder und Jugendliche an Gewicht zugelegt. In vielen Familien ist außerdem die Gewalt eskaliert – weil Eltern ihre Job verloren haben oder viele Geschwister eng aufeinander sitzen mussten. 

Gibt es psychische Störungen, die besonders häufig auftreten?

Wir behandeln sehr viele depressive Jugendliche und Patienten mit Ängsten, die in der Pandemie chronifiziert sind. Auch Traumafolgestörungen sehen wir oft. Weiterhin haben wir hier in der Tagesklinik viele kleine hyperaktive oder bindungsgestörte Kinder. Zwangs- und Ess-Störungen haben durch die Pandemie ebenfalls zugenommen.

Kolb: „Gemeinsame Rituale zu haben, ist wichtig“

Auf welche Anzeichen sollten Eltern bei ihren Kindern achten?

Wenn sich Kinder zum Beispiel zurückziehen, wenn Eltern keinen Zugang mehr zu ihrem Nachwuchs bekommen, gilt es, genauer hinzuschauen. Probleme in sozialen Kontakten oder in der Schule sind ein weiterer Punkt. Bei Kleinkindern können Anzeichen sein, dass sie schlecht schlafen, schneller gereizt oder weinerlich sind oder keine Lust haben, zu spielen – obwohl es dafür keinen ersichtlichen Grund gibt. Auch wenn Kinder plötzlich wieder ins Bett nässen, obwohl das zuvor kein Thema mehr war, kann das auf eine psychische Belastung hindeuten.

Was können Eltern in solchen Fällen tun?

Immer im Gespräch zu bleiben und gemeinsame Rituale zu haben, ist wichtig. Gemeinsame Mahlzeiten sind zum Beispiel eine Situation, in der sich die Familie trifft und austauscht. Eltern können sich auch mit anderen Menschen im Umfeld wie Freunden des Kindes oder Lehrern austauschen. Sollten die Auffälligkeiten nicht nach zwei oder drei Wochen verschwinden, sollten sich Eltern beraten lassen. Das ist bei niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiatern, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten sowie Beratungsstellen möglich.

Masken tragen, Desinfektion und Abstand halten

War es denn richtig von Bund und Ländern, die Schulen zu schließen, oder hätte es Ihrer Meinung nach bessere Alternativen gegeben?

Im Nachhinein ist das schwer zu sagen. Zu Beginn der Pandemie hatten wir alle die Bilder aus Italien vor Augen. Es war einfach zu wenig über das Virus bekannt. Zu diesem Zeitpunkt hätte wahrscheinlich niemand die Entscheidung treffen wollen, wie die Bevölkerung geschützt werden kann. Jetzt ist ein Großteil der Bevölkerung geimpft, wir tragen Masken und haben Hygienekonzepte. Nun ist es wichtig, dass Schulen und Kitas aber auch Sportvereine geöffnet bleiben. Außerdem sollte jetzt der Schutz der Kinder, die sich noch nicht impfen lassen können, im Fokus stehen. 

Hätten Sie Vorschläge, wie das aussehen sollte?

Masken zu tragen, Desinfektion und Abstand zu halten gehören dazu – auch wenn Letzteres bei ganz kleinen Kindern unrealistisch ist. Regelmäßig zu testen ist ebenfalls wichtig. Das Entscheidende ist jedoch, dass sich alle impfen lassen – nur so finden wir einen Weg aus der Pandemie. Da könnte Deutschland schon einen Schritt weiter sein.

Impflicht für bestimmte Berufsgruppen

Sind Sie dafür, eine Impfpflicht einzuführen?

In bestimmten Berufsgruppen durchaus. Dass zum Beispiel in Krankenhäusern, Altenheimen oder Institutionen, in denen mit Kindern gearbeitet wird, noch immer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten, die sich nicht impfen lassen möchten, sollte doch zumindest diskutiert werden.

André Przybyl
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