„Anne Bude“ zum Tag der Trinkhallen

„Anne Bude“: Am Samstag findet der Tag der Trinkhallen statt. Drei Buden in Buer und Umgebung im Porträt.
„Anne Bude“ zum Tag der Trinkhallen: Drei Buden in Buer und Umgebung im Porträt.
Brigitte Böcker-Miller in ihrem Kunstkiosk. Foto: André Przybyl

 

Klümpchen für die Blagen und für Papa dat Pilsken nache Schicht. Mit dem Tag der Trinkhallen feiert die Ruhr Tourismus GmbH am Samstag den Kiosk-Kult im Ruhrgebiet. Drei Buden in Buer und Umgebung im Porträt. 

„Wir sind keine Trinkhalle“, stellt Anne Schulz klar. Vielmehr soll „Bei Don Alfredo Anne Schranke“, ein ehemaliges Bahnwärterhäuschen an der Horster Straße in Beckhausen, eine Begegnungsstätte sein. „Wenn Tante Martha einen Kaffee trinken möchte, kann sie uns anrufen – wir stellen dann Tisch und Stühle raus.“ Zum Tag der Trinkhallen jedoch entsteht hier eine Pop-up-Bude mit umfangreichem Programm.

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„Don Alfredo“ kämpft um sein Bahnwärterhäuschen

Alfred Konter alias „Don Alfredo“ ist der vorletzte Schrankenwärter an der Horster Straße.  Bis ins Jahr 2000 rattert hier die Hugobahn auf ihrem Weg zur Zeche Hugo und zurück vorbei. Nach dem Ende des Bergbaus soll das Häuschen abgerissen werden. Doch „Don Alfredo“ setzt sich für dessen Erhalt ein. Mehr noch: Dem letzten Grubenpferd Alex baut er ein Denkmal, legt einen kleinen Teich samt Garten an. Konter stirbt 2017 mit 88 Jahren. Das Bahnwärterhäuschen ist heute Industrie-Denkmal und in Besitz des Regionalverbandes Ruhr. Der Platz an der Horster Straße trägt Alfred Konters Namen.

„Alfred war der liebenswerte Onkel vonne Schranke – ein Ruhrgebietsoriginal“, sagt Jochen Kappler, ein Mitstreiter von „Don Alfredo“. „Ich kannte ihn über vier Jahrzehnte.“ Nach Konters Tod ist er es, der sich um das Bahnwärterhäuschen kümmert und drei weitere Freiwillige für seine Sache begeistern kann: „In der Gaststätte hatte mich Jochen angesprochen, ob ich Zeit und Lust hätte, ihm zu helfen“, erinnert sich Helge Herber. Doch Jochen Kappler weiß: „Wenn die Frau nicht mitmacht, können Sie das vergessen.“ Er grinst. Als Helge Herber mit seiner Frau Heike während einer Fahrradtour einen „Boxenstopp“ an der Horster Straße einlegt, fällt die Entscheidung. „Damals stand hier eine Fahrrad-Waschanlage“, berichtet Heike Herber. „Jochen und ich kamen ins Gespräch – ich war so froh, dass mein Fahrrad sauber war, da habe ich zugesagt.“ Sie lacht. Ebenfalls mit von der Partie ist Anne Schulz.

Quartett swidmet sich dem Vermächtnis 

Seit 2017 widmet das Quartett seine Freizeit dem Vermächtnis von Alfred Konter. „Jeden Tisch, jeden Stuhl, jeden Sonnenschirm haben wir angeschafft“, sagt Anne Schulz. Das Häuschen in Schuss halten, im Sommer Rasen mähen… – die Liste der regelmäßigen Arbeiten ist lang. „Die Toilette haben wir aufwändig saniert“, fügt Schulz hinzu. Alljährlich veranstaltet das Quartett Veranstaltungen wie einen Weihnachts- und einen Trödelmarkt sowie ein Mai- und ein Barbarafest.

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Warum sie ihre Freizeit dafür „opfern“? „Weil wir Spaß daran haben“, erklärt Heike Herber. „Wir wollen die Tradition bewahren“, ergänzt  Jochen Kappler. „Das heißt aber nicht, die Asche zu beweinen, sondern das Feuer weiterzugeben.“

Umfangreiches Programm am Tag der Trinkhallen

Für den Tag der Trinkhallen haben sie ein umfangreiches Programm auf die Beine gestellt: Musik gibt es unter anderem von dem Gelsenkirchener Sänger Norbert Labatzki alias Dr. Stolzenfelz. Zwei bis drei Oldtimer sind am Bahnwärterhäuschen zu besichtigen und ein Zauberer zeigt seine Tricks. Ferner führt ein Falkner die Flugkünste seiner gefiederten Schützlinge vor.

„Geplant ist außerdem, dass Koch Heinrich Wächter hier live kocht“, ergänzt Jochen Kappler. TV- und Radiosprecher sowie Autor Ludger Vortmann hat sich ebenfalls angekündigt. „Er liest aus seinem neuen Buch, in dem sich eine Passage um das Bahnwärterhäuschen dreht.“ Auch die kleinen Besucherinnen und Besucher kommen nicht zu kurz: „Sie können unter anderem ihr Schrankenwärter-Diplom machen“, berichtet Kappler. „Das kommt nicht nur bei Kindern gut an.“ Außerdem wird der Grill angeworfen und zum Nachtisch gibt es Eis.

Kunst statt Klümpchen

Auf Kunst statt Klümpchen setzt Brigitte Böcker-Miller. In ihrem Kunstkiosk am Buerschen Nordring zeigt sie in wechselnden Ausstellungen Bilder, Skulpturen und Fotos von Hobby- sowie Nachwuchskünstlern, veranstaltet Lesungen sowie Konzerte.

„Das hier war früher die Kneipe Knopfloch“, erzählt die 75-Jährige. Ihr gehört das Gebäude. Als das Pächterehepaar in Rente geht, scheitert eine Nachfolge-Kneipe nach der anderen. „Das war alles nichts“, erinnert sie sich. „Es kam kein Geld rein und teilweise sind hier rechte Gestalten aufgetaucht.“ Nach Jahren des Leerstands trifft Brigitte Böcker-Miller auf Künstler Horst Schielmann, Gründungsmitglied der Gelsenkirchener ARTSpraxis. „Wir haben damals festgestellt, dass es in der Stadt keine Ausstellungsmöglichkeiten für Hobbykünstler gab“, erzählt sie. „Da hat es bei mir angefangen zu rattern.“ Zunächst schwebt ihr der Name „Galerie für verkappte Genies“ vor. „Eine Freundin hat mich dann auf die Kunst-Kauf-Häuser aufmerksam gemacht, in denen es Kunst zu bezahlbaren Preisen gibt.“ Die Idee gefällt ihr – und der Kunstkiosk ist geboren.

Verrückte Ausstellungen im Kunstkiosk

Fünf Jahre sind seit dem Anfang im Jahr 2017 vergangen. „Ich hatte hier schon verrückte Ausstellungen.“ Brigitte Böcker-Miller blättert in einem blauen Ordner, der vor ihr auf dem Tisch liegt. Sauber sortiert in Klarsichthüllen sind darin zahllose Ausstellungsplakate eingeheftet, die sie selbst entworfen hat. „Hier, die Reliefs und Skulpturen aus Wellpappe von Norbert Feldmann“, sagt sie und deutet auf ein Plakat. „Oder die gestickten Bilder von einem Kreativkurs aus Marl.“ Unter dem Titel „Ruhrgebiet nach Stick und Faden“ setzen die Künstlerinnen seinerzeit den Kohle-Ausstieg im Revier in Szene. „Und gemeinsam mit dem Soroptimisten Club Gelsenkirchen-Buer habe ich Bilder aus dem Nachlass des 2019 verstorbenen Künstlers Horst Danzer verkauft.“ 5.000 Euro kommen so für das Gelsenkirchener Frauenhaus zusammen.

Ihre eigenen Werke stellt Brigitte Böcker-Miller ebenfalls aus. „Die Kunst habe ich 2006 für mich entdeckt, als meine Tochter in die USA zu ihrer Großmutter gezogen ist“, erinnert sie sich. „Da hatte ich plötzlich jede Menge Zeit.“ Sie belegt einen Bildhauerkurs bei der Volkshochschule. „Seitdem hat es mir der Speckstein angetan.“ Skulpturen aus Ton und Holz kommen später dazu. Was ihr Kunstkiosk mit der klassischen Bude gemein hat? „Das Kommunikative“, sagt sie. „Hierhin kommen die Leute auch zum Quatschen.“

Bilder, Objekte und Live-Musik

Zum Tag der Trinkhallen sind im Kunstkiosk Bilder und Objekte von diversen Künstlerinnen und Künstlern ausgestellt. Live-Musik gibt es von Irene Riveros an der Violine und Gerardo Gramajo an der Bratsche. Außerdem lesen die Autorinnen und Autoren Rüdiger Schulte, Bettina Ittermann, Ulrich Breitbach und Inge Meyer-Dietrich aus ihren Büchern sowie Texten.

Lebensgeschichten hört Mike Nocht jeden Tag. „Wenn die alleinstehende Omi vorbeikommt, möchte sie natürlich auch quatschen“, sagt er und nimmt einen Schluck Kaffee. „Aber dafür habe ich immer ein offenes Ohr.“ Seit 2003 führt Nocht die Tabakbörse in Erle. Zuvor arbeitet er in der Köln-Arena. „Da gab es Veranstaltungen bis in die Nacht hinein“, erzählt er. „Wenn Du dann noch zwei bis drei Stunden mit dem Zug nach Hause fahren musst oder um fünf Uhr morgens am Bahnhof strandest, weil der Zug nicht kommt – auf die Dauer ist das nichts.“ Sein Steuerberater fragt ihn seinerzeit, ob er den Kiosk an der Frankampstraße übernehmen will. „Das habe ich durchgerechnet und bin zu dem Entschluss gekommen, dass die Trinkhalle für mich die bessere Option war.“ Hier ist er sein eigener Chef, kann sich die die Arbeit selbst einteilen. „Für mich ist das völlig ok.“

Tabakbörse hat sich nicht verändert

Seitdem er Herr im Haus ist, hat sich die Tabakbörse nicht verändert. Die meisten Kunden kaufen nur kurz Zigaretten, etwas zu trinken oder ein Eis. „Ein bis zwei Leute kommen regelmäßig vorbei, um sich ihren Kaffee zu holen“, sagt er. „Die setzen sich dann hin, um zu quatschen.“ Das Feierabendbierchen gibt es zwar an der Trinkhalle. „Es darf hier allerdings nicht getrunken werden“, sagt Mike Nocht. „Hier gilt Alkoholverbot – das war schon früher so.“

Eine Budenkultur wie in den 80er- und 90er-Jahren gibt es heute nicht mehr, meint er. „Die Zahl der Kioske ist zurückgegangen – und sie soll noch weiter sinken“, erzählt er. „Doch ich habe auch gelesen, dass die Trinkhallen zurzeit eine Renaissance erfahren – ob’s stimmt, weiß ich aber nicht.“ Beim Tag der Trinkhallen will er ursprünglich mitmachen. „Doch urlaubsbedingt habe ich zu wenig Mitarbeiter.“ Seine Schwester schafft es auch nicht auszuhelfen. „Alleine lässt sich so etwas nicht stemmen“, sagt er. „Deswegen wird es nichts – leider.“

André Przybyl
Klümpchen für die Blagen und für Papa dat Pilsken nache Schicht. Mit dem Tag der Trinkhallen feiert die Ruhr Tourismus GmbH am Samstag den Kiosk-Kult im Ruhrgebiet. Drei Buden in Buer und Umgebung im Porträt.
Helge und Heike Herber (2. und 3. v. l) mit Freund Bruno „Bei Don Alfredo Anne Schranke“. Foto: André Przybyl

 

Klümpchen für die Blagen und für Papa dat Pilsken nache Schicht. Mit dem Tag der Trinkhallen feiert die Ruhr Tourismus GmbH am Samstag den Kiosk-Kult im Ruhrgebiet. Drei Buden in Buer und Umgebung im Porträt.
Mike Nocht in seiner Tabakbörse. Foto: André Przybyl
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