Buch: Die unglaubliche Reise des FC Schalke 04

„Die unglaubliche Reise des FC Schalke 04“ heißt ein Buch, das jetzt erschienen ist. Auf 208 Seiten gewähren darin drei erfahrene Schalke-Berichterstatter Einblicke in die erfolgreiche Saison 2021/22. Die drei Autoren im Interview.
„Die unglaubliche Reise des FC Schalke 04“ heißt ein Buch, das jetzt erschienen ist. Auf 208 Seiten gewähren darin drei erfahrene Schalke-Berichterstatter Einblicke in die erfolgreiche Saison 2021/22. Die drei Autoren im Interview.
Die Autoren Norbert Neubaum, Frank Leszinski und Boris Spernol mit Fotograf Tim Rehbein (v. l.). Foto: RHR-Foto/RWM

 

Norbert Neubaum, Frank Leszinski und Boris Spernol werfen in ihrem nun erschienenen Buch „Die unglaubliche Reise des FC Schalke 04“ einen Blick auf eine ungewöhnliche und am Ende erfolgreiche Saison 2021/22, in der den Königsblauen entgegen vieler Erwartungen der direkte Wiederaufstieg in die Erste Liga gelang. Hallo-Buer-Redakteur André Przybyl sprach mit den drei Gelsenkirchener Autoren, die den FC Schalke 04 seit vielen Jahren journalistisch begleiten.

Warum war die Schalker Reise in der vergangenen Saison eine „unglaubliche“, wie es der Buch-Titel verspricht?

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Die unglaubliche Reise des FC Schalke 04 Vom bitteren Abstieg bis zur meisterlichen Rückkehr in die Erste Liga – die Geschichte der Saison 2021/22

Norbert Neubaum: Mike Büskens und Peter Knäbel haben die Schalker Saison so beschrieben. Und diese Beschreibung trifft ja auch ins Schwarze beziehungsweise ins Königsblaue: Die Reise war deshalb unglaublich, weil der Ausgangspunkt nicht dazu geeignet war, unbedingt daran zu glauben, dass sie am Ende auch erfolgreich sein würde. Und weil es zwischendurch auch zahlreiche Tiefpunkte und Rückschläge gab, die die Zweifel am direkten Wiederaufstieg stets nährten.

Frank Leszinski: Das Schalker Selbstverständnis zu Beginn der Reise war halt ein ganz anderes als nach den drei Abstiegen davor: Damals ging man irgendwie immer davon aus, man würde schon wieder direkt aufsteigen. Nun gab es aber zum Teil ja sogar nachvollziehbare Horror-Szenarien, die nicht unbedingt vor Optimismus strotzten.

Ab wann gab es den Plan, darüber ein Buch zu schreiben – und was erwartet die Leserinnen und Leser?

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Boris Spernol: Wir nehmen die Leserinnen und Leser noch einmal mit auf diese „unglaubliche Reise“, bei der wir auf allen Stationen dabei waren. Im Buch blicken wir bewusst noch einmal aus der Perspektive der jeweiligen Spieltage auf alle Reisestationen, um die Entwicklung aufzuzeigen, welche die Schalker Mannschaft genommen hat. Außerdem schlagen wir thematische „Querpässe“, die sich mit Hauptdarstellern und wichtigen Ereignissen dieser Reise beschäftigen, allerdings schon unter dem Eindruck des feststehenden Aufstiegs. Insofern ist es interessant zu beobachten, wie sich auch die journalistische Sichtweise dieser Saison einem regelmäßigen Wandel unterziehen musste. Hinzu kommen die mehr als 130 Fotos von Tim Rehbein, der ebenfalls ständiger Schalker Reise-Begleiter war.

Neubaum: Der Plan entstand im Prinzip gegen Mitte der Rückrunde, als Schalke trotz höchst wechselhafter Leistungen noch immer in Schlagdistanz zu den Aufstiegsplätzen war. Schließlich hatte sich da schon abgezeichnet, dass sich im Vergleich zur Vorsaison zumindest stimmungstechnisch der Wind gedreht hatte. Und das ist uns auch ganz wichtig: Dass wir in dem Buch nicht nur die sportliche Entwicklung der Mannschaft, sondern auch die Entwicklung im gesamten Verein zu beschreiben versuchen. Vor allem das Band, das zwischen Fans und Verein wieder geknüpft wurde, ist dabei von der Bedeutung her nicht zu unterschätzen. Insgesamt lief mit dem Aufstieg als Höhepunkt alles auf eine so bemerkenswerte Saison hinaus, die ein Buch darüber zu einer wertvollen Erinnerung macht.

„Große Entscheidungen fallen an letzten sechs, sieben Spieltagen“

Diesen Aufstiegsoptimismus teilten nicht viele – wann hatten Sie die größten Zweifel?

Neubaum: Wir hatten zwar frühzeitig, schon im Winter, „04 Gründe, warum Schalke doch noch aufsteigt“ veröffentlicht – aber da war natürlich auch eine Menge Lokalpatriotismus dabei… Ganz ehrlich: Geld drauf gewettet hätten wir wahrscheinlich auch nicht. Aber die Zweite Liga lehrt halt, dass die großen Entscheidungen dort an den letzten sechs, sieben Spieltagen fallen, insofern hatte unser Optimismus schon auch eine solide Basis. Konkrete Zweifel hatte ich nach der Niederlage in Düsseldorf, wo Schalke aus meiner Sicht eine sehr uninspirierte Vorstellung gezeigt hat, die mit Aufstiegsambitionen nicht viel zu tun hatte. Nach dem 3:4 gegen Rostock war ich kurioserweise noch relativ guter Dinge, was Schalke betrifft.

Es war das letzte Spiel von Trainer Dimitrios Grammozis – für viele die Wende in der Saison.

Leszinski: Das Spiel war ziemlich verrückt. Terodde trifft dreimal, Schalke verliert trotzdem, kann am Ende nicht mal den einen Punkt festhalten. Danach war uns abends in der Redaktion klar: Sonntagmorgen werden wir viel telefonieren müssen, es wird sich in der Trainerfrage etwas tun. Aber die Telefonate waren überflüssig: Schon am Sonntagmorgen gab Schalke die Trennung von Dimitrios Grammozis bekannt.

Das Kapitel über Grammozis heißt der „Der Unbeugsame“: Leichte Kost, weil es nach Grammozis aufwärts ging – oder eine schwere Aufgabe, weil nicht ausgeschlossen werden kann, dass Schalke auch mit ihm aufgestiegen wäre?

Leszinski: Dimitrios Grammozis hat ohne Zweifel auch seinen Anteil am Aufstieg. Vor allem deshalb, weil er Schalke mit einer komplett neuen Mannschaft entgegen großer Skepsis zunächst einmal in stets stabiler Lage gehalten und dann auch in Aufstiegs-Schlagdistanz geführt hat. Aber diesen letzten Sprung, diesen finalen Kick, alles aus der Mannschaft herauszuholen, hat man ihm halt nicht mehr zugetraut, und der Erfolg gibt Schalke recht. Das Kapitel über Dimitrios Grammozis beschreibt einen Trainer, der das Beste versucht, aber nicht das Maximale erreicht hat. Und sich stets treu geblieben ist, was ich im persönlichen Umgang mit ihm immer geschätzt habe. Also bleibt in dem Buch lieber unerwähnt, dass er uns vor einem fest vereinbarten Interview-Termin mal eine Stunde und 54 Minuten hat warten lassen – ohne eine Begründung oder gar Entschuldigung …

Einschneidendstes Saison-Erlebnis gleich zu Beginn

Die einschneidendsten Saison-Erlebnisse?

Neubaum: Für mich tatsächlich gleich direkt zu Beginn. Testspiel gegen Hamborn im Parkstadion, für mich ohnehin immer ein Ort voller Erinnerungen an gute und schlechte Zeiten. Schalke pur halt. Endstand 14:0, brütende Hitze, 1.000 Zuschauer, Terodde macht eines seiner, ich glaube, drei Tore. Da ruft ein Zuschauer: „Simon für Deutschland!“. Und erntet dafür zahlreiche Lacher. Ich hatte Schalke in den Wochen und Monaten davor nicht mehr Lachen gehört. Für mich war das ein Beleg dafür, dass der Verein sich nach dieser fürchterlichen Abstiegssaison nun einmal kräftig geschüttelt hatte und wieder einigermaßen guter Dinge nach vorn blickte. Und der „Stimmbruch“ von Simon Terodde nach dem Spiel in Sandhausen. Und natürlich der Sprint von Gerald Asamoah am Ende des St. Pauli-Spiels Richtung Nordkurve, um einen Spielabbruch zu verhindern, den ein Schalke-Fan wegen des Bengalo-Zündens beinahe provoziert hätte …

Leszinski: Das Auswärtsspiel in Heidenheim. Später Freitagabend, tiefer Nebel auf der Schwäbischen Ostalb, nach der 0:1-Niederlage klettern Schalkes Spieler mit hängenden Köpfen und einem Lunch-Paket bewaffnet in den Mannschaftsbus. Das war nicht nur Zweite Liga pur, das war die Kombination aus Zweiter Liga und dem Schalker Sparkonzept. Wer bis dahin noch nicht realisiert hatte, in welchen Sphären sich Schalke nun bewegte, bekam es hier in einer Szene direkt vor Augen geführt – sofern er im Nebel etwas erkennen konnte.

Ein breites Kapitel nimmt die Trennung vom Hauptsponsor Gazprom ein. Warum begann damit „eine neue Zeitrechnung“?

Spernol: Weil es im Prinzip eine ganze Fan-Generation gibt, die außer Gazprom keinen anderen Schalker Hauptsponsor kannte. Und weil sich bewahrheitet hat, dass ein Verein in der Größenordnung wie Schalke sich nicht komplett abkoppeln kann von der Weltpolitik. Berechtigte kritische Stimmen in diese Richtung gab es ja schon seit Jahren. Gleichzeitig hat Schalke es jetzt geschafft, den Fuß vom Gaspedal zu nehmen, noch bevor der öffentliche Druck den Verein zu dieser Entscheidung zwang – eine Entscheidung übrigens, die Schalke viele Sympathien eingebracht hat und die dem Verein darüber hinaus neue Möglichkeiten des Sponsoring eröffnet. Aus Schalker Sicht begründet es auch eine neue Zeitrechnung, weil diese Entscheidung relativ lautlos über die Bühne ging und eine grundsätzliche Einigkeit in der großen Schalker Vereinsfamilie mit sich brachte. Das ist ja nicht immer der Fall.

„Schalke vor ähnlicher Herausforderung wie vor letzten Saison“

Die „unglaubliche Reise“ durch die vergangene Saison ist nun beendet. Wann wäre auch die Reise durch die nächste Saison eine „unglaubliche“?

Neubaum: Mit dem Klassenerhalt als Endstation wäre es zumindest eine höchst bemerkenswerte. Schalke steht vor einer ähnlichen Herausforderung wie vor der letzten Saison. Die Stimmungslage hat sich zwar komplett gedreht – aber finanziell spielt Schalke im unteren Drittel der Bundesliga mit, muss also mit wenigen Mitteln Großes leisten. „Unglaublich“ im positiven Sinne wäre die Reise darüber hinaus für mich, wenn es gelänge, die Stimmung im Verein vom sportlichen Erfolg beziehungsweise Misserfolg zumindest teilweise zu separieren.

Wird es exklusive Enthüllungen in dem Buch geben?

Neubaum: Wir versuchen schon, hin und wieder Einblicke zu geben, die vielleicht nicht jeder hat. Aber um seinen Job muss auf Schalke nun niemand fürchten, so ehrlich sollten wir sein. Das ist auch nicht unsere Absicht. Es ist ein Buch aus der journalistischen Beobachter-Rolle, es ist nicht aus Fan-Sicht geschrieben und wir tun auch gar nicht erst so, als würden wir mit in der Kabine oder am Vorstandstisch sitzen.

Das Buch erscheint gut einen Monat nach dem Wiederaufstieg. Ist der Euphorie-Zeitpunkt damit nicht schon verpasst?

Spernol: Zunächst einmal:  Ein Buch zu schreiben, ist etwas völlig anderes, als einen Zeitungs- oder schnellen Online-Artikel zu veröffentlichen. Das erfordert einen hohen personellen und zeitlichen Mehraufwand, während die normale Tagesarbeit trotzdem anfällt. Technisch gesehen ist ein Buchherstellung wesentlich aufwendiger als zum Beispiel ein Zeitungsdruck. Niemand wird da wohl ernsthaft erwarten, dass ein seriöses Buch im Grunde kurz nach Abpiff der Saison beim Händler im Regal stehen kann, zumal die Aufstiegsfeier ja auch noch drin vorkommen soll … Für unsere Gesamtbewertung mussten wir das schon abwarten. Knapp vier Wochen sind da im Grunde schon rekordverdächtig (lacht). Die Aufstiegseuphorie ist überall noch spürbar und geht doch jetzt mit Bekanntgabe des Spielplans und des Trainingsauftaktes auch noch weiter. Außerdem: Für den Herbst wurde jetzt eine TV-Doku über den Schalker Aufstieg angekündigt. Dass Bücher schneller als das Fernsehen sind, ist nicht die Regel…

Im Buchhandel oder direkt beim Verlag erhältlich

„Die unglaubliche Reise des FC Schalke 04 – vom bitteren Abstieg bis zur meisterlichen Rückkehr in die Erste Liga“ ist in der Edition:Ruhrwort erschienen. 208 Seiten, mehr als 100 farbige Fotos, ISBN 978-3981864656, Preis 22 Euro. Das Buch ist im gut sortieren Buchhandel erhältlich oder kann direkt beim Verlag bestellt werden.

André Przybyl
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