Ehrenamtsagentur Gelsenkirchen: Von Obdachlosenhilfe bis Opferberatung

Von der Obdachlosenhilfe bis zur Opferberatung – seit 15 Jahren hilft die Ehrenamtsagentur Gelsenkirchen Menschen dabei, sich in der Stadt zu engagieren. Einer von ihnen: Jürgen Adamek, der beim Weißen Ring Opfer von Verbrechen berät.
Von der Obdachlosenhilfe bis zur Opferberatung – seit 15 Jahren hilft die Ehrenamtsagentur Gelsenkirchen Menschen dabei, sich in der Stadt zu engagieren. Einer von ihnen: Jürgen Adamek, der beim Weißen Ring Opfer von Verbrechen berät.
Im Einsatz für das Ehrenamt: Sebastian Westphal und Beate Rafalski beraten einen Interessenten. Foto: André Przybyl

 

Handtaschenraub, Vergewaltigung, Kindesmissbrauch… – beim Weißen Ring unterstützt Jürgen Adamek Opfer von Verbrechen. Ehrenamtlich, ohne dafür einen Cent zu bekommen. „Einer meiner ersten Fälle war der Mord an Sandra S., deren Leiche erst kürzlich gefunden wurde“, erzählt der Frührentner aus Buer. Seinerzeit berät er die Hinterbliebenen. Zu der gemeinnützigen Organisation kommt er über die Ehrenamtsagentur Gelsenkirchen e. V., die in diesem Jahr ihr 15-jähriges Bestehen feiert.

Ehrenamtsagentur im „Sommermärchen“-Jahr gegründet

Im Jahr 2006 wird die Ehrenamtsagentur aus der Wiege gehoben, als das „Sommermärchen“ Deutschland in seinen Bann zieht. „Zu den Spielen der Fußball-Weltmeisterschaft in Gelsenkirchen haben sich unheimlich viele Freiwillige gemeldet, die helfen wollten“, erinnert sich Beate Rafalski, Geschäftsführerin des Vereins. „Damals ist dem ehemaligen Oberbürgermeister Frank Baranowski die Idee gekommen, das Ehrenamt in der Stadt neu zu organisieren.“ Im Dezember desselben Jahres wird die Agentur gegründet. Neben der Stadt sind noch Organisation wie Caritasverband und Diakonie, Gelsensport sowie der Evangelische Kirchenkreis Gelsenkirchen und Wattenscheid mit im Boot.

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Heute betreibt der Verein ein Ladenlokal an der Ahstraße. Insgesamt sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat die Agentur. Rafalski und ihr Stellvertreter Sebastian Westphal sind bei der Stadt angestellt. Zwei weitere Mitarbeiter werden staatlich gefördert. „Außerdem haben wir einen ehrenamtlichen Helfer und eine ehrenamtliche Helferin, die uns unterstützen“, erklärt die Geschäftsführerin. Von der Obdachlosenhilfe über Unterstützung in Seniorenheim oder Kita bis hin zur Umweltarbeit – „wer in Gelsenkirchen ehrenamtlich tätig werden möchte, erhält bei uns Informationen, welche Möglichkeiten er hat“, berichtet Sebastian Westphal. Die gemeinnützigen Organisationen ihrerseits melden bei der Agentur, wo sie Bedarf haben.

Westphal: „Für fast jeden ein passendes Angebot“

„Wir schauen uns zunächst an, wer dort vor uns sitzt“, berichtet Beate Rafalski. „Was hat der Mensch erlebt, welche Vorstellungen hat er, wieviel Zeit will er aufwenden und ist er mobil.“ Dann macht die Agentur Vorschläge, welches Ehrenamt passen könnte und stellt den Kontakt zu der jeweiligen Einrichtung oder Organisation her. „Besondere Fähigkeiten braucht es eigentlich nicht, um ein Ehrenamt auszuüben“, sagt Westphal. „Wir haben für fast jeden ein passendes Angebot.“ Sollten doch spezielle Kenntnisse notwendig sein, bieten die Ehrenamtsagentur oder die Organisationen selbst Qualifizierungsmaßnahmen an. Ferner führt der Verein eigene Projekte durch. „Zurzeit sind in der Ukrainehilfe ehrenamtliche Sprachmittler von uns im Einsatz, die die Kriegsflüchtlinge beraten und bei Verständigungsproblem übersetzen“, berichtet Beate Rafalski. Es besteht keine Pflicht, sich bei der Ehrenamtsagentur zu registrieren. „Die Menschen können sich natürlich auch ohne uns an die Einrichtungen und Organisationen wenden.“

Von der Obdachlosenhilfe bis zur Opferberatung – seit 15 Jahren hilft die Ehrenamtsagentur Gelsenkirchen Menschen dabei, sich in der Stadt zu engagieren. Einer von ihnen: Jürgen Adamek, der beim Weißen Ring Opfer von Verbrechen berät.
Berät beim Weißen Ring Opfer von Verbrechen: Jürgen Adamek. Foto: André Przybyl

 

Jürgen Adamek sucht 2019 ein Ehrenamt und stellt sich bei der Agentur vor. „Ich habe bei der Ruhrkohle AG gearbeitet“, erzählt er. „Wie das im Bergbau so ist, bin ich früh in Rente gegangen – für mein Empfinden zu früh.“ Er will nicht untätig bleiben, sondern „etwas tun“. Der Verein vermittelt ihn an die Außenstelle Gelsenkirchen-Bottrop des Weißen Rings, der Opfer von Verbrechen und Gewalt sowie deren Angehörige unterstützt. „Hier habe ich zunächst einen Mitarbeiter begleitet und ein Seminar besucht, bevor ich selbst tätig werden konnte“, erzählt er. „Blickt man hinter die Kulissen, sieht man, welches Leid hinter den Verbrechen steckt – da besteht dringender Handlungsbedarf.“

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Weißer Ring von ehemaligem „Aktenzeichen-XY“-Moderator gegründet

Der Verein wird 1976 unter anderem vom ehemaligen „Aktenzeichen-XY“-Moderator Eduard Zimmermann gegründet. Nach eigenen Angaben arbeiten für die Hilfsorganisation heute rund 2.900 ehrenamtliche Opferhelferinnen und -helfer in mehr als 400 Außenstellen. „Wir sind acht ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, die in Gelsenkirchen und Bottrop für rund 400.000 Menschen zuständig sind.“ Sechs Stunden die Woche engagiert sich Jürgen Adamek anfänglich für den Verein. „Heute sind es zehn bis 15 Stunden pro Woche“, berichtet der Bueraner. „Da ein Kollege zurzeit verhindert ist, habe ich bis August auch die Leitung übernommen.“ 

Als „Lotse im System“ sieht er sich. „Viele der Menschen, die wir betreuen, sind so traumatisiert, dass sie gar nicht wissen, wo sie Hilfe bekommen können.“ Adamek und seine Kolleginnen und Kollegen helfen unter anderem bei Behördengängen und Formularen, beraten zu finanziellen sowie psychologischen Hilfen. „Ferner verfügen wir über ein Budget, mit dem wir Hilfsangebote machen können, die über die gesetzlichen Möglichkeiten hinausgehen.“ Entweder informiert die Polizei die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, dass sie sich bei jemandem melden sollen. „Oder die Menschen rufen selber bei uns an.“ In einigen Wochen ist es ruhig. „In anderen melden sich zehn bis 15 Menschen.“ Öffentlichkeitsarbeit, Prävention und die Zusammenarbeit mit unter anderem Frauenorganisationen gehören ferner zu seinen Aufgaben.

Adamek: “Bei Mord Hilfe über langen Zeitraum.“

So unterschiedlich die Fälle sind, so unterschiedlich ist auch der Aufwand: „Wenn einer Rentnerin ihre Handtasche geklaut wurde, leisten wir Soforthilfe, und alles ist gut“, sagt Jürgen Adamek. „Bei Mord, Vergewaltigung, Kindesmissbrauch oder häuslicher Gewalt sieht das anders aus – da helfen wir über einen langen Zeitraum.“ Als belastend empfindet er sein Ehrenamt nicht. „Ich halte immer einen gewissen Abstand“, erzählt er. „Schließlich möchte ich den Menschen helfen und das geht nicht, wenn ich zu nah dran bin.“ Das Blut am Tatort sieht er nicht. „Das könnte ich nicht.“ Wenn Kinder betroffen sind, fällt es ihm jedoch nicht so leicht, die Distanz zu wahren. „Solche Fälle sind schwer zu verdauen – das beschäftigt mich schon.“ An seinem Engagement schätzt er die Abwechslung. „Kein Fall ist wie der andere.“ Er hat es nicht bereut, für den Weißen Ring zu arbeiten. „Ich bekomme auch viel zurück“, berichtet er. „Die Dankbarkeit der Hilfesuchenden motiviert mich, weiterzumachen.“

Rentner wie Jürgen Adamek, Berufstätige, Studenten und Schüler… „Den typischen Ehrenamtler gibt es nicht“, erzählt Beate Rafalski. „Das ist bunt gemischt.“ Eine Begebenheit ist ihr besonders im Gedächtnis geblieben: „Eine alte Dame hat an einer Gelsenkirchener Schule eine Bibliothek aufgebaut und diese mit Herzblut bis zu ihrem Tod geführt – das hat mich sehr beeindruckt.“ Zurzeit ist das Ehrenamt im Wandel. „Früher sind die Menschen in ihrem Sportverein oder in der Kirchengemeinde großgeworden und haben sich dort engagiert“, sagt Sebastian Westphal. „Heute möchten die jungen Menschen sich nicht ein Leben lang binden und sich nur für einen gewissen Zeitraum für ein Projekt einsetzen – das stellt zum Beispiel Sportvereine vor große Probleme.“

„Zwischenmenschliche bliebe auf der Strecke“

Ohne ehrenamtliche Helferinnen und Helfer würde das System zwar nicht zusammenbrechen, meinen Rafalski und Westphal. „Aber das Zwischenmenschliche bliebe auf der Strecke“, erklärt die Geschäftsführerin. Pflegekräfte im Seniorenheim schafften es zwar, dass die Bewohnerinnen und Bewohner ‚satt und sauber‘ seien. „Aber für menschliche Nähe fehlt ihnen häufig die Zeit – da springen die Ehrenamtler ein.“ Sebastian Westphal ergänzt: „Unsere Gesellschaft würde zwar funktionieren, aber sie wäre auf jeden Fall eine andere – und das würden wir nicht wollen.“

André Przybyl
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