Mike Büskens (hier mit dem Ex-Schalker Omar Mascarell): “Ich war auch als Trainer der zweiten Mannschaft glücklich.” Foto: Archiv/Schalke 04/Rabas

Interview mit Mike Büskens: Schalkes Interimstrainer über das Restprogramm, Rodrigo Zalazar und Besuche in der dritten Etage

Seit gut drei Wochen ist Mike Büskens Interimstrainer des FC Schalke 04 – der 54-Jährige hat Dimitrios Grammozis abgelöst, dem die sportliche Schalker Leitung den Aufstieg in die Erste Bundesliga mit Schalke nicht mehr zugetraut hatte. Büskens hat nicht zum ersten Mal interimsweise übernommen – dabei möchte er als Trainer eigentlich nicht mehr in der „ersten Reihe“ stehen. Im Interview mit Hallo Buer erklärt er u. a. den Grund dafür.

Amerikanische Fußball-Statistiker haben für Schalke am Saisonende einen Relegationsplatz berechnet – würden Sie da einschlagen?
Mike Büskens: Wir sollten uns nicht auf irgendwelche Zusammenstellungen von Zahlen verlassen, sondern auf das konzentrieren, was wir selbst beeinflussen können – daher liegen mir die tatsächlichen Spieltags-Ergebnisse näher als statistischen Prognosen.

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Die Spieltage bis zum Saisonende haben es in sich. Schalke trifft noch auf zahlreiche Aufstiegs-Mitkonkurrenten. Ein Segen, weil es in diesen Spielen ja quasi immer um sechs Punkte geht, oder ein Fluch, weil Schalke in der Hinrunde gegen die Top-Teams nur selten punktete?
Ich benutze lieber die Vokabeln Chancen und Risiken statt Fluch oder Segen. Aus meiner Sicht überwiegen bei unserem Restprogramm eindeutig die Chancen – weil wir in den erwähnten Spielen direkt Einfluss auf die Tabellenkonstellation nehmen können.

Ist Schalke für diese Top-Spiele denn jetzt besser gerüstet als in der Hinrunde?
Wir sind guter Dinge, dass das so sein wird. Das Team macht einen sehr fokussierten Eindruck. Die Bereitschaft in den Trainingseinheiten und den Spielen ist hoch. Der Kaderumbruch im Sommer war nicht zu unterschätzen, im Winter kamen weitere Spieler dazu – es braucht Zeit, bis das zusammenwächst. Nun ist die Entwicklung weiter vorangeschritten, sodass ich denke, dass wir für den Saison-Endspurt gerüstet sind.

In dem tragen Sie nun die sportliche Verantwortung. Wo sehen Sie ihren Ansatz für die restlichen Spiele, als Motivator oder durch mannschaftstaktische Veränderungen?
Es geht um kleine Veränderungen, unter anderem in den täglichen Abläufen, in der Ansprache, im Miteinander, in der Trainingsarbeit, aber auch im System. Jeder Trainer hat da seinen eigenen Stil. Ich habe immer gerne in der Vergangenheit auf meinen Stationen im 4-4-2 gespielt, unser Kader hat aber meistens unter Dimi mit einer Fünferkette gespielt, weil er sehr gute Erfahrungen mit diesem System gemacht hat. Über Systeme wird immer viel diskutiert: Dreierkette, Fünferkette – Schalke müsse doch mit einer Vierkette spielen, das habe ich oft gehört. Fragen Sie mal in Bremen, wo man mit Dreier – bzw. Fünferkette eine stattliche Siegesserie hingelegt hat. Wir haben jetzt im Trainerteam etwas am System verändert, aber letztendlich variiert ein System auch immer wieder durch einzelne Spielsituationen, sodass sich ohnehin nicht starr an einem System festhalten lässt. Und zum Thema „Motivation“: Wenn man selbst nicht brennt, kann man kein Feuer entfachen.

Nach über 30 Jahren im Profifußball, was wäre für Sie der perfekte Trainer?
Für die einen ist es der Taktiker, der permanente Systemwechsler – für die anderen der Menschenfänger oder der harte Hund, der den vermeintlich verwöhnten Profis Feuer unter dem Hintern macht. Für mich ist das zu einfach: Für mich ist ein guter Trainer der, der neben seiner Kompetenz den Mut hat, sich für die einzelne Bereiche der täglichen Arbeit die besten Leute in sein Team zu holen und sich dann auch mal zurückzieht und beobachtet. Der sein eigenes Ego hinten anstellt und seinen Mitstreitern Raum gibt, der zwar das letzte Wort bei den Entscheidungen hat und die Verantwortung übernimmt für das Geschehene, aber der trotzdem den Fähigkeiten seiner Kollegen vertraut. Das Aufgabenfeld eines Trainers entspricht nicht mehr dem Bild wie noch vor 20 Jahren, es ist keine One-Man-Show. Als Trainer musst du vor allem ein Teamplayer sein, Menschen führen und am Ende brauchst du auch immer etwas Spielglück. Innenpfosten rein oder raus, auch das kann über dein Schicksal als Trainer entscheiden.

Nach Ihrer Beförderung zum Cheftrainer…
…Interimstrainer!

Nach Ihrer Beförderung zum Interimstrainer haben Sie gleich ausdrücklich erklärt, dass es nur ein Amt auf Zeit, bis zum Saisonende, sei. Was ist so schlimm daran, auf Schalke Cheftrainer zu sein?
Es geht mir dabei nicht um Schalke. Als Cheftrainer musst du Siege einfahren, daran wirst du gemessen. Daher hast du als Cheftrainer gar nicht die Chance, groß über den Tellerrand zu blicken. Ich begleite z. B. viele Spieler der heutigen U19 seitdem sie in ihren U15-Teams gespielt haben. Diese Jungs auf ihrem weiteren Weg begleiten zu dürfen, finde ich total spannend. Wie entwickeln sich die Spieler aus unseren Nachwuchsteams? Ist da vielleicht einer in der U17, U19 oder U23, der den direkten Sprung zu den Profis noch nicht schafft, der aber in zwei oder drei Jahren vielleicht das Potenzial dazu hat? Wer begleitet junge Spieler beim Übergang vom Jugend- in den Profibereich? Daher habe ich mich schon vor ein paar Jahren dazu entschieden, als Trainer nicht mehr in der ersten Reihe arbeiten zu wollen – wo ich ja auch schon ein paar Jahre tätig war und so ziemlich alles erlebt habe.

Geht es nicht auch darum, den guten Ruf auf Schalke zu behalten? Zwischen „Büskens“-Sprechchören und „Büskens raus“ seien es nur vier Buchstaben, haben Sie vor Jahren mal gesagt. Und das wollten Sie sich auf Schalke ersparen…
Das habe ich mal gesagt? Ich kann mich in dem Zusammenhang noch an meine Zeit als Trainer der zweiten Schalker Mannschaft erinnern. Wenn mir da die Einstellung von Jung-Profis zur zweiten Mannschaft nicht gefallen hat, bin ich schon mal sehr deutlich geworden. Da war dann richtig Druck im Kessel und ich musste in der dritten Etage der Geschäftsstelle antanzen. Prompt musste ich mir anhören, dass ich das ja machen würde, weil ich als Trainer sehr ehrgeizig sei und ich ja auch Bundesligatrainer werden möchte. Aber darum ging es mir nie. Ich war auch sehr glücklich als Trainer der zweiten Mannschaft. Es ging mir immer darum, dass die Jungs verstehen, was es braucht, um ein Bundesligaspieler zu sein. Zu der Zeit habe ich tatsächlich gedacht: Ich möchte nicht, dass meine Töchter in der Zeitung lesen, dass ihr bekloppter Vater gerade mal wieder irgendwo in der Republik beurlaubt wurde…

Ihre Aufgabe im Trainer-Team – auch im kommenden – ist eine Art Verbindungsmann und Vertrauensmann für junge Spieler, die an der Schwelle zur Profi-Laufbahn stehen. War eine solche Position auf Schalke vakant, bevor Sie auf die Idee kamen, sie ausüben zu wollen?
Sagen wir mal so: Die Verantwortlichen haben die große Bedeutung einer solchen Position mittlerweile erkannt.

Es ist kein Geheimnis, dass Sie in den vergangenen Jahren mit einigen Entwicklungen auf Schalke nicht einverstanden waren. So seltsam das jetzt vielleicht auch klingt: War der Abstieg nicht vielleicht sogar hilfreich, um den FC Schalke 04 wieder zu einer gewissen Demut zu zwingen?
(überlegt lange) Das Opfer – der Abstieg mit all seinen sehr unschönen Begleitumständen – war sehr, sehr groß und hat Narben hinterlassen, auf die wir alle gerne verzichten hätten. So ganz von der Hand zu weisen ist der beschriebene Zusammenhang wahrscheinlich nicht. Ich habe tatsächlich den Eindruck, dass es zum Beispiel wieder eine Annäherung zwischen den Fan-Rängen und der Mannschaft gibt. Und das ist gerade auf Schalke nicht zu unterschätzen.

Zu den von Ihnen erwähnten unschönen Begleitumständen des Abstiegs gehörten auch die Jagdszenen in der Abstiegsnacht, die sich am 20. April zum ersten Mal jährt. Sie waren als Co-Trainer mittendrin – hätten Sie sich als längst eingefleischter Schalker so etwas vorstellen können?
Nein, hätte ich nicht. Weil das für mich nicht Schalke war. Jedenfalls nicht der Verein, den ich für einen ganz großartigen Club halte. Es hatte sich einiges aufgestaut, das allerdings niemals so hätte eskalieren dürfen. Dass es schon vorher eine lange Phase der Entfremdung gegeben hat, ist ein Vorwurf, mit dem wir uns alle auseinandersetzen müssen.

Schauen wir nach vorn: Sie sind 1992 nach Schalke gekommen, haben die Fan-Freundschaft mit dem 1. FC Nürnberg in vielen Varianten miterlebt. Es könnte am letzten Spieltag zum großen Finale kommen, bei dem sich beide befreundeten Vereine möglicherweise weh tun müssen. Ein Horror?
Ich glaube, wenn wir diese Frage den Nürnbergern stellen, sehen sie es ähnlich: Uns allen wäre wahrscheinlich wohler, wenn die Dinge vorher geregelt wären. Aber wenn es so kommt, dann ist es halt so – und ich bin mir sicher, dass die Fans beider Mannschaften volles Verständnis dafür hätten, dass beide Teams alles dafür tun, um für ihre Farben erfolgreich zu sein.

Gab es nach dem Trainerwechsel eigentlich noch Kontakt zwischen Ihnen und Dimitrios Grammozis?
Ja. Er hat mich direkt an dem Sonntag angerufen und sich bei mir für die gute Zusammenarbeit bedankt. Danach gab es keinen Kontakt mehr. Das ist aber auch normal so. Ich habe in ähnlichen Situationen auch versucht, erst einmal Abstand zu gewinnen.

Schalke hat Rodrigo Zalazar fest verpflichtet. Eine gute Nachricht?
Meine Wertschätzung für Rodri habe ich bereits zum Ausdruck gebracht. Er ist ohne Zweifel ein guter Junge, in dem noch etwas von einem Straßenfußballer steckt. Er macht überraschende Dinge, steckt voller Energie. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass er erst 22 Jahre alt ist.

Die „Typen Straßenfußballer“ brauchen – pardon – hin und wieder auch den klassischen Tritt in den Hintern. Gehört Zalazar dazu?
Rodrigo Zalazar hat großes Potenzial – dass seine Leistungen noch schwanken, ist in seinem Alter normal. Er muss lernen, seine Grenzen jeden Tag ein bisschen mehr in die richtige Richtung zu verschieben. Unsere Aufgabe ist dabei das Fördern und Fordern. Den Spieler in den Arm nehmen, wenn es mal nicht so läuft. Oder ihn ein bisschen erden, wenn er zu schnell zufrieden ist und er vielleicht zu sehr auf die vielen Schulterklopfer hört, von denen es in solchen Phasen meistens reichlich gibt. Dann kann es im übertragenen Sinne ruhig auch mal der Tritt in den Hintern sein. Das haben meine Trainer mit mir aber auch so gemacht. Und es hat mir nicht geschadet.

Norbert Neubaum
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