Mit Barbie und Co. kann Gloria Iberl-Thieme als Kind nichts anfangen. Heute leitet sie die Sparte Puppentheater am Musiktheater im Revier. Angefangen hat sie als linker Arm in China.
Schau mir in die Augen, Kleiner: Gloria Iberl-Thieme mit einer ihrer Puppen. Foto: Musiktheater im Revier

Musiktheater: Als linker Arm nach China

Mit Barbie und Co. kann Gloria Iberl-Thieme als Kind nichts anfangen. Heute leitet sie die Sparte Puppentheater am Musiktheater im Revier. Angefangen hat sie als linker Arm in China.

„Mit einer Puppe kann ich mir Dinge erlauben, die sich ein Mensch allein nicht leisten kann“, erklärt Gloria Iberl-Thieme. „Dadurch hat diese Spielform mehr Freiheiten als einem Schauspieler zugestanden werden.“ Hat doch schon der Kasper auf dem Jahrmarkt das angesprochen und getan, was eigentlich tabu war.

Naivere und frechere Fragen stellen

Seit rund zwei Jahren gehört Gloria Iberl-Thieme zum Ensemble des Musiktheaters im Revier (MiR). Hier leitet sie die Sparte Puppentheater, die zur Spielzeit 2019/2020 eingeführt wird. „Ich habe zunächst als Spielerin angefangen“, berichtet sie. Dann kristallisiert sich heraus, dass eine Leitung benötigt wird. „Ich glaube, ich habe den Vertrag an dem Tag unterschrieben, als das Theater aufgrund der Corona-Pandemie geschlossen wurde…“

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Für sie haben Puppen Möglichkeiten, die Schauspieler nicht haben: „Wenn ich in den direkten Kontakt mit Menschen gehe, stoße ich nicht auf Skepsis“, führt sie näher aus. „Es kommt ein kindlicher Reflex zum Tragen: Da kommt halt eine kleine Puppe.“ So  kann sie naivere und frechere Fragen stellen, ohne dass sich das Gegenüber veräppelt fühlt. „Natürlich habe ich auch hierbei Grenzen – doch diese sind etwas anders gesteckt.“

Fantasie der Zuschauer ist gefragt

Schauspieler würden auf der Bühne einer Prüfung unterzogen. „Ist es authentisch, glaube ich der Frau, was sie dort gerade darstellt“, frage sich das Publikum. Diese Frage stellt sich bei einer Puppe nicht. „Es ist immer gespielt, ist immer theatralisch.“ Das reizt sie an dem Genre.

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Außerdem ist die Fantasie der Zuschauer gefragt. „Anders als ein Schauspieler hat eine Puppe keine Mimik, sie hat anatomische Einschränkungen und besteht manchmal nicht einmal aus allen Körperteilen.“ Den Rest muss sich das Publikum dazu denken. „Es muss sich die Geschichte selbst erzählen.“ Den Applaus bekommen beide – sowohl Puppe als auch Schauspielerin. „Und damit auch der Puppenbauer“, fügt sie hinzu. „Wenn ich eine gut zu spielende und gut gebaute Puppe in die Hand bekomme, muss der Applaus auch immer dahingehen.“

„Wahnsinnig viel Koordination gefragt“

Über Umwege gelangt Gloria Iberl-Thieme zum Puppentheater. „Ich habe mich seinerzeit auf eine Ausschreibung beworben“, erinnert sie sich. „Gesucht wurde eine Schauspielerin nur für den linken Arm.“ Sie lacht. „Der linke Arm?“, wundert sie sich. „Der eigentliche Anreiz für mich war, dass die Produktion in China stattfinden sollte.“ Sie macht mit und ist von der Team-Arbeit fasziniert. „Zu viert haben wir eine übermenschlich großen Puppe bewegt“, berichtet sie. „Da war wahnsinnig viel Koordination gefragt.“

Für sie ist es eine tolle Erfahrung und in der Folge lernt sie das Genre kennen. „Zuvor kannte ich nur Puppentheater für Kinder.“ In Berlin, ihrer damaligen Heimat, schaut sie sich um. „An der Ernst-Busch-Hochschule habe ich mir Szenen-Studien angeschaut“, erzählt sie. „Mich hat besonders fasziniert, dass die Schauspieler mit auf der Bühne sind.“ So sehen die Zuschauer sowohl das Spiel der Puppe als auch die „Produktion“ dahinter. „Diese Doppelbödigkeit hat mir neue Bühnen-Welten eröffnet.“ Plötzlich kann sie mit sich selbst in einen Dialog treten. „Du beseelst dieses Ding in deiner Hand und erzählst gleichzeitig eine Geschichte“, sagt sie. „Diese Erfahrung kannst du als Schauspielerin allein nicht machen, da du immer an deinen eigenen Körper gebunden bist.“

Ein Schritt ins Unbekannte

Im Kern würden sich Schauspielerei und Puppentheater jedoch nicht unterscheiden. „Ich muss immer von mir selbst ausgehen“, erzählt  Gloria Iberl-Thieme. „Allerdings kommt ein zweiter Körper hinzu, der Schwächen und Fähigkeiten hat, die ich erst kennenlernen muss.“ Jede neue Puppe ist für sie ein Schritt ins Unbekannte.

Dabei entsteht eine Beziehung. „Was manchmal nicht funktioniert.“ Sie lacht. „Es ist wie im Leben: Mit manchen kann man einfach nicht so gut.“ In solchen Fällen ist es ein langer Weg, bis die „Zusammenarbeit“ klappt. „Mit anderen dagegen versteht man sich sofort“, erklärt sie. „Die sind mir auf Anhieb sympathisch und ich kann mich gut in sie hineinversetzen.“ Irgendwann nimmt sie die Puppe sogar als Persönlichkeit wahr. „Dann ist es seltsam festzustellen, dass sie gar nicht lebt.“

Liebesszene zwischen Bänken und Stühlen

Auf der Bühne ist es nicht selten unbequem. „Anders als beim normalen Schauspiel befinde ich mich häufig in Positionen, die mit dem eigentlichen Geschehen nichts zu tun haben.“ Sie macht Verrenkungen und streckt den rechten Arm nach oben. „Ich stecke zwischen Bänken und Stühlen fest, halte die Puppe hoch und spiele dabei eine Liebesszene.“ Auch wenn Puppen häufig für Produktionen maßgeschneidert werden: „Eigentlich muss ich mich jedes Mal anpassen.“ Und ihre Lieblingspuppe? „Immer die aktuelle.“

Das Puppentheater ist eine aufstrebende Sparte. „Es wird immer häufiger auf großen Bühnen und in namhaften Theatern eingesetzt“, sagt Gloria Iberl-Thieme. „Außerdem freut es mich, dass es von dem Klischee wegkommt, nur für Kinder geeignet zu sein.“ Für Erwachsene sei das kindliche Element nicht weniger interessant. Und: „Ich kann noch mehr Register ziehen als beim Kindertheater.“ Das würde zurzeit mehr und mehr entdeckt. Auch das Genre selbst wandelt sich. „Zum Beispiel wird in der Ausbildung zunehmend auf digitale Medien eingegangen“, führt sie weiter aus. „Es wird versucht, möglichst alle Einflüsse zu integrieren.“ Die Tradition wird trotzdem nicht vergessen. „Das Handgemachte wird nicht verdrängt.“

Trotz der Einschränkungen das Publikum erreichen

Zwei Jahre ist sie nun am MiR. „Aufgrund der Pandemie hat nach außen hin natürlich wenig stattgefunden“, räumt sie ein. Nur vereinzelt können Stücke vor Publikum gezeigt werden. Dennoch empfindet sie die Zeit als äußerst produktiv. „Wir haben trotzdem weiter gearbeitet.“ Es werden Pläne geschmiedet und Videos gedreht. „Als erstes Projekt ist eine Reihe mit einer ganz einfach gebauten Papierpuppe entstanden – einem Schaf“, erzählt sie. „Das hat sich dann dazu geäußert, wie ein Herdentier mit den Corona-Beschränkungen umgeht.“ Es folgen weitere Produktionen wie die Reihe „Puppen lügen nicht“. „Wir haben uns Wege gesucht, wie wir trotz der Einschränkungen das Publikum erreichen können.“ Jetzt freut sie sich auf die kommende Spielzeit.

Das Puppentheater soll weiterhin fester Bestandteil des Musiktheaters bleiben. „Wir bekommen bald neue Proberäume, da die alten zu eng werden.“ Das Programm soll breit aufgestellt werden. „Hauptsächlich spielen wir für Erwachsene, nehmen aber auch Produktionen für Kinder auf.“ Anspruchsvoll und unterhaltsam soll es gleichermaßen sein.

Nicht in die Wiege gelegt

In die Wiege gelegt wird Gloria Iberl-Thieme die Liebe zum Puppentheater übrigens nicht. „Als Kind mochte ich Tiere“, erzählt sie. „Aber Puppen… – nix zu machen.“

André Przybyl
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