Sie ist Anwältin der Zuschauer. Anna Chernomordik ist Chefdramaturgin am Musiktheater im Revier.
Arbeitsplatz mit Aussicht: Im Treppenhaus des Musiktheaters ist Anna Chernomordik häufig unterwegs. Foto: André Przybyl

Musiktheater im Revier: Anwältin der Zuschauer

Sie ist Anwältin der Zuschauer. Anna Chernomordik ist Chefdramaturgin am Gelsenkirchener Musiktheater im Revier. 

„Natürlich hat mich ein Regisseur schon angeschrien“, sagt Anna Chernomordik. „Das passiert halt manchmal.“ Mit anderen arbeitet sie sehr gut zusammen. Chernomordik ist Chefdramaturgin am Gelsenkirchener Musiktheater im Revier – „ein Beruf, der an jedem Theater etwas anders definiert wird“. 

Durch Zufall zum Musiktheater im Revier

Durch Zufall landet sie am Musiktheater im Revier (MiR). „Ich habe Musikjournalismus in Dortmund studiert“, berichtet sie. „Als die Stelle ausgeschrieben wurde, hatte sich meine Vorgängerin an meinen Studiengangsleiter gewandt.“ Dieser tritt an Chernomordik heran. Daraufhin bewirbt sie sich in Gelsenkirchen – und wird genommen. „Ich hatte einfach Glück.“ Sie lacht.

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Bevor sie am MiR landet, hat sie mit Oper, Ballett und Co. nur wenig zu tun. „Als Kind habe ich allerdings in Düsseldorf in einem Chor gesungen, der auch Musiktheater gemacht hat“, erzählt sie. „Deshalb kannte ich Theaterhäuser und konnte mir gut vorstellen, in solch einer Atmosphäre zu arbeiten.“

Chernomordik: „Unser Beruf ist Diplomatie“ 

Nur einen Bruchteil dessen, was nun zu ihren Aufgaben gehört, ist ihr seinerzeit bewusst. „Bei unserem Übergabegespräch hat mir meine Vorgängerin Anna Grundmeier gesagt, unser Beruf ist Diplomatie“, erzählt sie. „Dieser Satz ist mir im Gedächtnis geblieben.“

Am MiR ist sie unter anderem für die Publikumsbindung zuständig. „Wir machen die Einführungen in die Stücke“, erzählt sie. „Das ist eine Gelegenheit, uns live zu erleben.“ Öffentliche Proben, Talks oder ein regelmäßiges Format an der Volkshochschule führt das dreiköpfige Team der Dramaturgie ebenfalls durch. „Außerdem schreiben wir die Texte für den Internetauftritt oder Flyer.“

Bindeglied zwischen Haus und Regie-Teams

Der Urjob des Dramaturgen sei, „den Proben-Prozess zu begleiten und Bindeglied zwischen Haus und Regie-Team zu sein“. Denn die meisten Teams seien nicht am Haus angestellt. „Wir sind der erste Zuschauer und Anwalt sowohl des Zuschauers als auch des Stücks“, erklärt sie. „Wir müssen sowohl im als auch außerhalb des Prozesses sein, in dem ein Stück entsteht.“

Sie und ihre zwei Kolleginnen bewerten eine Produktion danach ab, ob sie durchdacht ist und die Botschaft der Regie beim Publikum ankommt. Auch der historische Hintergrund des Stückes ist entscheidend. Ferner sollte die Produktion zur „Linie des Hauses“ passen und aktuelle Diskussionen in Medien oder von der Straße aufnehmen. „Am Musiktheater haben wir einen starken gesellschaftspolitischen Anspruch“, berichtet sie. „In ‚Othello‘ ging es zum Beispiel um die Rassismus-Debatte in der Kunst.“

„Richtig lange Tage“

Die Dramaturginnen besuchen Proben und besprechen ihre Eindrücke in Sitzungen mit anderen Abteilungen des Hauses. „Wenn wir eine Produktion betreuen, haben wir richtig lange Tage – das kann schon mal von halb zehn morgens bis halb eins in der Nacht gehen.“ Die Proben müssen die Dramaturginnen jedoch nicht zwangsläufig besuchen. „Die Besprechungen dagegen schon.“

Am Anfang ihrer Arbeit am MiR ist der Altersunterschied für sie eine Herausforderung. „Ich arbeite mit gestandenen Menschen zusammen, die 30 Jahre mehr Berufserfahrung haben“, berichtet sie. „Und ich muss mich dahin stellen und denen erzählen, wie ich die Sache sehe – das ist nicht ohne.“  Viele Regisseure würden Dramaturgen nicht brauchen, viele sähen in ihnen sogar eine Bedrohung. „Es gibt aber auch zahlreiche Beispiele, in denen die Zusammenarbeit wunderbar funktioniert.“

„Keine Handhabe, ob Rückmeldung beherzigt wird“

Anna Chernomordik und ihre Kolleginnen sind beratend tätig. „Wir können ganz viele tolle Sachen erzählen“, sagt sie. „Aber wir haben keine Handhabe darüber, ob unsere Rückmeldung beherzigt wird.“ Doch das ist für sie in Ordnung. „Letztendlich entscheiden die Regie oder andere Instanzen, was umgesetzt wird – wir sind dafür da, diese Entscheidungen einzuordnen.“

André Przybyl
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