Nach 26 Jahren im Schalker Aufsichtsrat ist Clemens Tönnies zurückgetreten. -Foto: NBM (Archiv)

Schalke 04: Warum der “Macher” hinschmeißt

Am Ende war dann wohl alles selbst für den krisengestählten Clemens Tönnies zuviel – Schalkes Aufsichtsratschef ist zurückgetreten.

Vielleicht war es der letzte noch fehlende Beleg dafür, dass auf Schalke in den vergangenen Monaten so einiges aus dem Ruder gelaufen ist: Die Nachricht vom Rücktritt des Schalker Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Tönnies wurde schon in die Welt hinaus „gezwitschert“, während die Telefon-Konferenz des Schalker Kontrollgremiums am Dienstagnachmittag noch lief.

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Auf der hatte der 64-jährige Fleisch-Fabrikant seinen Aufsichtsrats-Kollegen mitgeteilt, mit sofortiger Wirkung von seinem Amt als Vorsitzender zurückzutreten und das Gremium gleichzeitig zu verlassen. Dem Aufsichtsrat hatte Clemens Tönnies seit 1994 angehört, seit 2001 war er dessen Vorsitzender.

Mit harten Bandagen

Tönnies, von den Schalker Mitgliedern regelmäßig mit großen Mehrheiten gewählt, war bei den Königsblauen neben dem ebenfalls zurückgetretenen Finanzvorstand Peter Peters die feste Größe in der Schalker Chefetage. Tönnies, aus seiner Branche ohnehin nichts anderes gewohnt, kämpfte mit harten Bandagen: Ob Rudi Assauer oder Felix Magath – selbst die stärksten Schalker Männer bissen sich an dem Ostwestfalen die Zähne aus, ein Rücktritte wie beispielsweise den von Manager Christian Heidel war Tönnies nicht mal eine Pressekonferenz, sondern nur eine Mitteilung wert.

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Mit seinem Führungs-Stil provozierte Tönnies natürlich, dass sich die Geister an ihm schieden. Wurde das finanzielle Engagement, mit dem der Unternehmer Schalke mehrmals aus der Patsche half, stets gelobt, kam seine kantige, mitunter schroffe Art, nicht bei jedem an – vor allem, wenn es sportlich nicht lief, bekam Tönnies sein Fett weg. Losgelöst davon, ob er dafür nun verantwortlich war oder nicht.

Kritik wuchs durch rassistische Aussagen

Seit 2019 wuchs die Kritik an Clemens Tönnies stetig an. Auslöser waren einige rassistische Äußerungen, die dazu führten, dass der Schalke-Boss zwar sein Mandat im Aufsichtsrat für drei Monate ruhen ließ, aber diese Entscheidung des Ehrenrates wurde von vielen Menschen als lächerlich gering eingestuft. Sie hätten den Verstoß gegen das Leitbild des Klubs gerne hart bestraft gesehen.

Da es sportlich weder in der vorletzten noch in der gerade zuende gegangenen Saison nach Wunsch lief und Tönnies nach Corona-Fällen in seinem Fleisch-Unternehmen zuletzt massiv in die Kritik geriet, rebellierten Teile der Basis in der letzten Zeit zusehends gegen den Schalke-Boss – dabei bezeichnete der sich selbst als „obersten Fan“ des Vereins.

Bruchhagen lobt Fan-Nähe

Heribert Bruchhagen, erfahrener Bundesliga-Manager und mit Tönnies befreundet, kam in den letzten Tagen daher sogar offenbar der leise Verdacht, dass die aktuelle Krise Tönnies stärker zusetzen könne als andere, die der „Kotelett-Kaiser“ stets an sich abprallen ließ: „Es gibt keinen anderen Aufsichtsratsvorsitzenden in der Bundesliga, der so viel Fan-Nähe gelebt hat wie Clemens Tönnies. Er ist Schalker durch und durch. Der Fan-Protest hat ihm richtig weh getan. Vor Corona hätte ich seinen Rücktritt für ausgeschlossen gehalten. Jetzt kann ich das nicht beurteilen“ – das schrieb Bruchhagen dieser Zeitung am Abend vor dem Rücktritt seines Freundes.

Andere langjährige Weggefährten zeigten sich überraschend vom Rückzug des 64-Jährigen. „Damit habe ich nicht gerechnet. Clemens hat viel für den Verein getan. Das sollte man bei aller Kritik an ihm nicht vergessen“, sagte Schalkes Ehrenpräsident Gerd Rehberg.

Buchta neuer Chef des Aufsichtsrates

Eurofighter Mike Büskens mochte an Tönnies seine zupackende Art: „Er war ein Macher. Mal hat er mir nach einer kontroversen Diskussion augenzwinkernd gesagt: Ich kann Blut sehen. Aber das Schöne an solchen Gesprächen mit ihm war, dass danach nichts hängen geblieben ist“.

Und Schalke? Wie geht es ohne Tönnies weiter? Der Aufsichtsrat wählte den bisherigen Stellvertreter Dr. Jens Buchta einstimmig zu seinem neuen Vorsitzenden. Der Rechtsanwalt aus Düsseldorf tritt in große Fußstapfen. Denn bei allen nicht wegzudiskutierenden Schwächen seines Vorgängers ist nun eine starke Persönlichkeit gefragt, damit Schalke wieder in ruhigeres Fahrwasser kommt. Denn aus dem Ruder gelaufen sind in den vergangenen Wochen und Monaten genügend Dinge rund um Schalke. Nicht nur die vorzeitige Nachricht vom Rücktritt von Clemens Tönnies.

Norbert Neubaum, Frank Leszinski
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