Gleich geht’s los: Schalkes Chefetage erklärt im Medienraum der Veltins-Arena die Zukunftsperspektiven des Vereins.

Schalke: In aller Bescheidenheit

Ein Verein sortiert sich neu. Nach den selbst für Schalker Verhältnissen turbulenten vergangenen Wochen streifen sich die Königsblauen das Büßergewand über, wollen sparen sowie Demut und Transparenz praktizieren.

Wer jetzt ganz genau wissen will, wie es auf Schalke nach den Rücktritten von Aufsichtsrats-Chef Clemens Tönnies, Finanzvorstand Peter Peters und der desaströsen Rückrunde weitergehen wird, für den gibt es immerhin eine ganz konkrete Information: Am 31. Juli ist Trainingsbeginn – sollte die Bundesliga wie geplant Mitte September starten.

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TV-Sender übertrugen live

Mit viel Spannung war die Pressekonferenz im großen Medienraum der Veltins-Arena erwartet worden: Ca. 40 Journalisten waren natürlich unter Einhaltung strenger Corona-Schutzmaßnahmen zugegen, diverse TV-Sender übertrugen live. Schließlich war es das erste Ereignis auf Schalke n. T. – also nach Tönnies. Der Fleisch-Fabrikant hatte am Tag davor die Brocken hingeschmissen, damit ein dickes Ausrufezeichen gesetzt, aber auch viele Fragezeichen hinterlassen.

Fast 90 Minuten, eine Fußballspiel-Länge, bemühten sich Sportvorstand Jochen Schneider, Trainer David Wagner und der wegen der aktuellen Ereignisse kurzfristig dazu gekommene Marketingvorstand Alexander Jobst, Licht ins aktuelle Schalker Dunkel zu bringen. Schließlich sei, so Jobst, der heutige Tag „eine Zäsur“. Ein „Weiter so“ werde es nicht geben.

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Viele Fettnäpfchen

Ein Verein sortiert sich neu, zwangsläufig. Schalke hat sich in eine Negativ-Spirale hineinmanövriert – während von Corona alle Klubs betroffen sind, ließen die Königsblauen zuletzt kein selbst aufgestelltes Fettnäpfchen aus, um den Vertrauens-Kredit bei vielen Fans und Mitgliedern vorerst zu verspielen.
Stellvertretend dafür nannte Jobst das peinliche Gezerre um die Rückerstattungen für Dauerkarten, deren Inhaber Auskunft geben sollten, wofür sie das Geld denn überhaupt bräuchten. Jobst entschuldigte sich dafür, auch für die Entlassung von für die Jugend-Akademie tätigen Mini-Jobbern.

Das Büßergewand hat derzeit die Farbe Königsblau, die Träger sind offenbar fest entschlossen, nun wieder Gutes zu tun: Die Mitarbeiter würden nun möglicherweise an anderer Stelle im Verein beschäftigt. Jobst weiß: „Es kommt jetzt nicht auf Worte an, sondern auf Taten.“

Transparenz hat Grenzen

Dieser Anspruch ist nicht immer ganz einfach umzusetzen, in Sachen Transparenz schon gar nicht, wenn die öffentlich sein soll. Diese „Transparenz“ hat sich Schalkes Chefetage neben Demut und Bescheidenheit schließlich auch auf die Fahnen geschrieben, doch die hat offenbar ihre Grenzen. Denn dass Schalke nicht nur wegen Corona demnächst auf allen Ebenen kräftig sparen muss, dass die Knappenschmiede davon wohl unberührt bleiben soll und dass vor allem der Profi-Etat drastisch gekürzt werden muss, war ja vorher bereits bekannt.

In welchem Umfang das alles geschehen wird, blieb unklar. Nicht einmal die durchgesickerte angebliche Gehaltsobergrenze für Neuverpflichtungen in Höhe von 2,5 Millionen Euro pro Jahr wollte Schneider bestätigen. Man habe sich aber auf „interne Richtlinien“ verständigt, die demnächst einzuhalten seien. Im Geschäftsjahr 2019 verbuchte Schalke Personalaufwendungen in Höhe von 123 Millionen Euro – die sind keinesfalls mehr zu stemmen.

„Die Wette zu oft verloren“

Immerhin: Das Gesamt-Sparpaket in unbekannter Höhe soll ab sofort umgesetzt werden, betrifft also auch den Schalker Kader für die kommende Saison. Und um den geht es ja eigentlich. Denn noch wichtiger als die Position des Aufsichtsrats-Chefs sind in einem Profi-Klub ja die Fußballer an sich. Die Formel, die auch für Schalke gilt, ist ganz einfach: Kein Erfolg gleich wenig Geld gleich viel Unruhe. Jochen Schneider rechnet vor: „Zwischen 2005 und 2016 war Schalke zehn Mal für Europa qualifiziert. In den letzten vier Jahren nur noch einmal. Da ist ein Trend erkennbar.“

Es gilt, kleinere Brötchen zu backen, in aller Bescheidenheit. Schalke speckt ab, parallel zum Finanziellen auch bei der Erwartungshaltung: „Wir dürfen nicht mehr träumen“, warnt Schneider schon mal diejenigen vor, die Schalke noch immer für einen chronischen Europa-Kandidaten halten. Diese Zeiten, das machten Schneider und Jobst deutlich, seien vorerst vorbei, zumindest für die nächsten ein, zwei oder drei Jahre.

Alles war auf Europa zugeschnitten

Dabei hatte der FC Schalke 04 sein Wachstum nach der Jahrtausendwende komplett auf Europa zugeschnitten – beim Personal (nicht nur bei den Profis), den Investitionen ins Vereinsgelände und bei den Gehältern. Jetzt kann der Verein damit nicht mehr Schritt halten. „Die Wette auf Europa haben wir in den letzten Jahren zu oft verloren“, hat Jobst erkannt. Schalke drückt der Schuh so sehr, dass eine Kreditzusage für den laufenden Geschäftsbetrieb offenbar nur mit einer Bürgschaft des Landes NRW erhältlich war – unter Berufung auf die Geheimhaltungspflicht wollte Jobst das allerdings nicht bestätigen.

Und so blieb Schalkes Zukunftsperspektive ein wenig im Ungefähren, auch was das Thema Ausgliederung der Profi-Abteilung betrifft. Während Tönnies glaubt, dass die quasi alternativlos ist, will Jobst, der das Steuern des Klubs durch die Corona-Krise als primäre Aufgabe sieht, die Mitglieder mit solchen Plänen erst zu „gegebener Zeit“ behelligen: „Mit allergrößter Transparenz.“ Natürlich.

Norbert Neubaum
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