Die Arbeitsgruppe zur Deportation jüdischer Mitbürger am 27. Januar 1942 präsentierte ihre Ergebnisse. Foto: Leszinski

Schalker Anhänger erinnern an grausame Deportation

Dass der FC Schalke 04 mehr als ein Sportverein ist, hat der Club in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach bewiesen. Ein neues Projekt unterstreicht das gesellschaftspolitische Engagement.

Schalke gehörte vor fast 30 Jahren zu den Vorreitern von Sportvereinen, die aktiv gegen Ausländerfeindlichkeit aktiv wurden. Erstes sichtbares Zeichen war ein Anti-Rassismus-Paragraph in der Schalker Vereinssatzung (1994). Es folgten u.a. Stadionverbote für Mitglieder rechtsextremistischer Parteien, Aktionen gegen Homophobie, sowie Bildungs- und Aufklärungsangebote als Bausteine einer präventiven Jugendarbeit.

Auch dunkle Kapitel der eigenen Vereinsgeschichte wurden aufgearbeitet, beispielhaft in dem Buch von Stefan Goch und Norbert Silberbach mit dem Titel: „Zwischen Blau und Weiß liegt Grau. Der FC Schalke 04 im Nationalsozialismus“ aus dem Jahre 2005.
​Nach einer von Fanprojekt und Schalke 04 durchgeführten Gedenkstättenfahrt zum Konzentrationslager Auschwitz entstand nun bei Teilnehmern der Wunsch, das unermessliche Leid der Gelsenkirchener Juden sichtbarer zu machen.

“Es darf nicht zu einer Lawine werden”

Die ersten Ergebnisse dieser Bemühungen wurden bei einem Themenabend in der Neuen Synagoge in Gelsenkirchen präsentiert. Eine Arbeitsgruppe aus Fans, Mitarbeitern des Schalker Fanprojekts und des FC Schalke 04 hatte sich in Kooperation mit Historikern des Instituts für Stadtgeschichte Gelsenkirchen in den vergangenen Monaten auf Spurensuche der größten Deportation von Gelsenkirchener Juden Anfang 1942 gemacht und das Schicksal der entrechteten Menschen aufgearbeitet.

​Judith Neuwald-Tasbach, die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Gelsenkirchen, würdigte die Arbeit und das Engagement der Projektgruppe aus 15 Personen: „Wir müssen alles tun, damit das Wissen über diese schreckliche Zeit erhalten bleibt. Ich bin froh und glücklich über dieses Projekt. Die Zeiten in Bezug auf Antisemitismus sind schlimmer geworden. Noch sind es nur Schneebälle, aber es darf nicht zu einer Lawine werden“, betonte die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Gelsenkirchen, die 24 Familienangehörige bei der Deportation nach Riga verlor.

Beeindruckendes Zeitzeugen-Interview

Ihr Vater und ihr Onkel gehörten zu den wenigen Menschen, die den Deportationszug überlebten. Das galt auch für den heute 96-jährigen Rolf Abrahamsson aus Marl, der für ein beeindruckendes Zeitzeugeninterview zur Verfügung stand.
​Da wurde besonders deutlich, wie menschenverachtend die Nationalsozialisten auch in Gelsenkirchen agierten. Am 27. Januar 1942 wurden rund 500 Menschen – ca. 350 aus Gelsenkirchen, ca. 150 aus anderen Städten des Ruhrgebiets – um fünf Uhr morgens nach Riga deportiert. Es war einer der kältesten Tage des Jahres. Um 5 Uhr bei minus 27 Grad in der Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz wurden die Menschen engstem Raum zusammengepfercht. Sie waren zwischen einem und siebzig Jahre alt.

Fünf Tage war der Zug, der in Gelsenkirchen startete und nach Riga in Lettland fuhr, unterwegs. Etwa 440 Juden sahen Gelsenkirchen an diesem Tag zum letzten Mal. Sie überlebten das Konzentrationslager nicht. Bisher erinnert am Wildenbruchplatz nur ein Stolperstein für Helene Lewek an das Geschehene. Lewek entzog sich der Deportation durch Selbstmord.

Gedenktafel wird errichtet

Die Arbeitsgruppe teilte sich die Aufgaben und fand in den Archiven der Umgebung viel Material zu Opfern, Tätern und Rahmenbedingungen an jenem furchtbaren Tag, an dem am 27. Januar 2022 eine Gedenktafel erinnern soll, die die Stadt Gelsenkirchen auf Anregung der Arbeitsgruppe aufstellen wird. Bis dahin soll auch eine Broschüre fertig sein, in der alle Ergebnisse zusammengefasst sind.

Frank Leszinski

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