Das Volkshaus Rotthausen. Foto: Thomas Robbin

Das Volkshaus Rotthausen feiert am 10. Dezember einen runden Geburtstag: Vor genau 100 Jahren wurde es eröffnet.

Dabei beginnt die bewegte Geschichte des Volkshauses schon etwas früher: 1914 wollte die damals eigenständige Gemeinde Rotthausen an anderer Stelle eine Jugendhalle samt angeschlossenem Feuerwehrdepot bauen. Diese Pläne wurden jedoch vom ersten Weltkrieg durchkreuzt.

Vom Rathaus zur Jugendherberge

Erst 1919 startete man einen neuen Anlauf und beauftragte den Essener Architekten Alfred Fischer, der später auch das Hans-Sachs-Haus konzipierte, am Grünen Weg in Rotthausen eine Jugendhalle zu planen. Kritiker der Baupläne bemängelten damals den „losgelassenen Futurismus“, der die Innenräume präge, die zudem schlecht aufgeteilt seien. Schon während der Bauphase, die in der zweiten Jahreshälfte 1919 begann, wurden Fischers Pläne um ein weiteres Vorhaben ergänzt: Zusätzlich zur Jugendhalle entstand hier nun ein Verwaltungsgebäude. Und so diente das markante Gebäude im Stil des seinerzeit populären Backsteinexpressionismus nach seiner Einweihung 1920 gleichzeitig als Verwaltungssitz der Bürgermeisterei Rotthausen und als Veranstaltungszentrum für das kulturelle und sportliche Leben der Bürger mitsamt Theaterbühne und Sporthalle. Als Rotthausen 1924 zu großen Teilen von Gelsenkirchen eingemeindet wurde, zogen die Verwaltungsangestellten aus und überließen die Räume der Jugend: Fast zehn Jahre lang wurde das „Volkshaus“ nun als Jugendherberge mit rund 50 Betten genutzt.

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1933 durchbrach ein dunkles Kapitel der Volkshaus-Geschichte die Idylle: Nach der Machtergreifung verwirklichte Karl Schulz, der Sturmbannführer der Gelsenkirchener SS, hier seinen Traum von einer „SS-Führerschule“. Die Einrichtung sollte, so hat es der Leiter des Instituts für Stadtgeschichte (ISG), Dr. Daniel Schmidt, später rekonstruiert, vor allem „der Fortbildung und Berufsqualifizierung arbeitsloser SS-Männer dienen“. Ein besonderes Anliegen der SS war es dabei, das „rote“ Volkshaus für sich einzunehmen. „Das Volkshaus wurde in ‚Horst Wessel Haus‘ umbenannt und im Winter 1933/34 unter der Regie der SS umfangreich vergrößert. So entstanden etwa eine Werkstatt, ein Lager- und ein Abstellraum“, erklärt Dr. Daniel Schmidt. Die SS-Führerschule, in der laut Forschungen des ISG Lehrgangsteilnehmer ausgebildet wurden, die später tatsächlich an der Organisation des KZ-Systems und des Massenmordes beteiligt waren, verblieb allerdings nicht lange im Volkshaus: Sie wurde – vermutlich im Sommer 1935 – wieder geschlossen. Die Wehrmacht nutzte das Gebäude jedoch bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges als Materiallager.

Vom Lehrlingsheim zur Begegnungsstätte

Nach 1945 ging die Geschichte des Volkshauses abwechslungsreich weiter: Zunächst nutzen die Polizei und das Rote Kreuz verschiedene Flügel des Hauses am Grünen Weg. Auch die Sporthalle des Hauses wurde rege genutzt. Zudem wurden hier abwechselnd Flüchtlinge, Bergwerkslehrlinge und Gastarbeiter der nahegelegene Zeche Dahlbusch untergebracht. 1970 stand das arg renovierungsbedürftige Haus kurz vor dem Abriss, den örtliche Parteien und die Bürger jedoch verhinderten. Das Jahr 1984 geht als das Jahr in die Geschichte ein, in dem das Volkshaus Rotthausen unter Denkmalschutz gestellt wurde. Aufwändig saniert wurde es zwischen 1987 und 1989, der damalige Regierungspräsident bewilligte 2,26 Millionen D-Mark für den Umbau des Volkshauses zu einer öffentlichen Begegnungsstätte.

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Rund 20 Vereine nutzen das Volkshaus seit vielen Jahren als Treffpunkt und Lagerraum, unter anderem haben hier der Heimatbund Gelsenkirchen und das Stadtteilbüro Rotthausen eine Heimat gefunden. Im Jahr 2016 zeigte sich beim „Testbetrieb“, den die Stadt Gelsenkirchen in Kooperation mit der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft im Rahmen einer Machbarkeitsstudie angestoßen hatte, wie vielseitig das kulturelle Leben in Rotthausen ist: Rund fünf Wochen lang zogen Musik, Tanz, Jugendkultur, Literatur und Kleinkunst ins Volkshaus ein, neue Nutzungsmöglichkeiten sollten ausgelotet werden. Auch Vereine und Betriebe sowie zahlreiche Bürgerinnen und Bürger aus Rotthausen beteiligten sich mit kreativen Beiträgen.

300.000 Euro für Studie bewilligt

Hier offenbarten sich jedoch auch die Schwächen des Prachtbaus: Die bergbaubedingte Schieflage des Hauses konnte bis heute nicht behoben werden, und doch hat das Volkshaus Rotthausen auch im 100. Jahr nichts von seinem Charme verloren – so zeugen etwa die nach alten Fotos rekonstruierten schmiedeeisernen Leuchten im Eingangsbereich von der Zeitepoche, in der sie für das Haus geschaffen wurden.

Die bewegte Geschichte des Volkshauses soll auch nach 2020 noch weitergehen: Eine Machbarkeitsstudie im Auftrag der Stadt Gelsenkirchen soll ab dem Frühjahr 2021 ausloten, wie das Volkshaus in Zukunft genutzt werden kann, zudem soll die Bausubstanz des Hauses bewertet werden. Für die Studie sind Städtebaufördermittel in Höhe von 300.000 Euro bewilligt worden.

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